Fitzcarraldo

Werner Herzogs Filmklassiker aus dem Dschungel

Werner Herzog hat über 60 Filme gemacht. „Fitzcarraldo“ – 1982 im Amazonas in Peru gedreht – gehört zweifellos zu den bleibenden Filmen Herzogs und ist zu einem Klassiker der Filmgeschichte geworden. Welche Geschichte steckt wirklich hinter der Filmhandlung? Was hat Herzog sich ausgedacht, was beruht auf wahren Begebenheiten?

 

Der Film spielt während der Kautschuk-Periode zu Ende des 19. Jahrhunderts im Amazonas-Gebiet bei Iquitos in Peru. Die Kautschukbarone hatten durch ihr Monopol ungeheuren Reichtum angehäuft, denn der Kautschuk war unerlässlich für die Industriegesellschaften. Gewonnen wird der Kautschuk aus einem Regenwaldbaum. Die Bäume werden angezapft und der Saft aufgefangen. Die Indianer mussten wie Sklaven für die Kautschukhändler arbeiten.

Die reich gewordenen Kautschukhändler bauten sich eine Oper in den Dschungel in Manaus in Brasilien. Sie häuften ungeheure Reichtümer an und verschwendeten ihr Geld. So ließen sie ihre Hemden nach Paris verschiffen, nur um sie dort reinigen und stärken zu lassen.

Klaus Kinski in Hochform

Der Film „Fitzcarraldo“ beginnt an der Oper in Manaus. Der Abenteurer Fitzcarraldo, gespielt von Klaus Kinski, will ein unerschlossenes Kautschukgebiet zu Geld machen, um sich seinen Traum, ein Opernhaus mitten im peruanischen Urwald und Enrico Caruso auf der Bühne, zu erfüllen. Denn dort gibt es noch keine Oper. Nur auf dem Wasserweg kann Fitzcarraldo in dem Kautschukgebiet den wertvollen Rohstoff abtransportieren. Um unpassierbare Stromschnellen zu umgehen, will er das Schiff an einer Landzunge von einem Fluss zum anderen über den Berg hieven lassen.

Hierbei helfen ihm unerwartet die dort lebenden Indianer. In der Tat gelingt es, dass Stahlschiff über die Berge in den anderen Fluss zu ziehen. Doch die Indianer haben ihm nicht selbstlos geholfen. Sie haben eigene Vorstellungen. Sie wollen mit dem Schiff die bösen Geister aus den Stromschnellen vertreiben. Sie entwenden das Schiff und fahren damit in die falsche Richtung durch die Stromschnellen hinunter zum Amazonas. Damit ist das Projekt gescheitert.

Welche wahre Geschichte steckt hinter dem Film?

Den exzentrischen Iren Brian Sweeney Fitzgerald, dessen Namen die Peruaner angeblich nicht aussprechen konnten und ihn deshalb Fitzcarraldo nannten, wie es Herzog in seinem Film darstellt, hat es nie gegeben. Aber es gab einen Peruaner, dessen Vater US-Amerikaner war, mit Namen Carlos Fermín Fitzcarrald. Und in der Tat brachte dieser Fitzcarrald ein Dampfschiff aus Stahl über einen Berg. Allerdings ließ er es vorher in Einzelteile auseinander nehmen. Indianer haben also niemals ein Amazonas-Schiff über einen Berg gezogen, wie in Herzogs Film.

 

 

In Einzelteilen über den Berg

Fitzcarraldo des Films, gespielt von Klaus Kinsky, ist ein wohlwollender Mann. Sein Traum von einer Oper in Iquitos treibt ihn zu unglaublichen Taten. Der tatsächliche Carlos Fermín Fitzcarrald allerdings war ein brutaler Kautschukbaron, der durch die Sklavenarbeit der Indianer reich wurde. Er gab den Indianern nur eine Wahl, entweder für ihn unter grausamsten Bedingungen zu arbeiten oder aber zu sterben. Und wer sich ihm widersetzte, wurde tatsächlich exekutiert.

Fitzcarrald drang in den Urwald in die Region des Flusses Madre de Dios vor. Dazu ließ er sein Dampfschiff in Einzelteilen über die Berge zum Madre de Dios schleppen. Das eröffnete ihm die Möglichkeit Kautschuk auf dem Schiff zu transportieren und zu exportieren. Er gründete die Stadt Puerto Maldonado. Dort sieht man noch heute das Wrack der Contamana, sein Stahlschiff. Fitzcarrald kam bereits mit 35 Jahren bei einem Unfall ums Leben.

Das Schiffsmodell aus Fitzcarraldo im Filmmuseum in Berlin.

In Werner Herzogs Film Fitzcarraldo aus dem Jahr 1982 spielt neben Klaus Kinski ein Dampfschiff, die “ Molly Aida“, die Hauptrolle. Das knapp vier Meter lange Modell des Schiffs ist im Museum für Film und Fernsehen in Berlin in der Ständigen Ausstellung Film zu sehen. Die Szenen des Films drehte Herzog vor Ort im Amazonas-Urwald, ohne Spezialeffekte.

Lediglich in einer kurzen Sequenz, bei einer Fahrt durch die Stromschnellen, kam die Modell-„Molly Aida“ zum Einsatz. Sie hat eine bemerkenswerte Odyssee hinter sich: Gebaut von dem Filmausstatter Henning von Gierke für die Dreharbeiten in den Münchener Bavaria-Ateliers, soll das Schiffsmodell einige Zeit im Garten von Werner Herzog gestanden haben.

 

 

Fester Glauben an ein Projekt

Wieder aufgetaucht ist es in Tespe/Elbmarsch in Niedersachsen als Dekoration der Fassade einer Diskothek. Als diese 1992 schloss, rettete der ortsansässige Förderverein Elbmarschkultur das Boot, restaurierte es und stellte es im Tesper Rathaus, später im Kulturtreff des Fördervereins aus.

Die kleine Schwester der „Molly Aida“ hat nun ihren sicheren Hafen im Museum für Film und Fernsehen gefunden, freut sich der Künstlerische Direktor Dr. Rainer Rother. „Das Schiff ist analog zur Story auch ein Symbol für das Filmemachen an sich, den festen Glauben an ein Projekt, so unverwirklichbar es anfangs scheinen mag.“

Quellen:
iquitosnews.com/page14a.html

Eroberung des Nutzlosen, Werner Herzog, Hanser Verlag 2004

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