Weblog Bernd Kulow

Als Journalist betreibe ich die Website www.amazonas.de. In diesem Weblog gibt es zusätzlich von mir das Aktuellste und Spannendste vom Amazonas, vor allem zur Lage des Regenwalds.

30.8.08

Indianer siegen über Regierung

30.08.2008 - Der peruanische Kongress hat am Freitag zwei neue Dekrete der Regierung García aufgehoben, die den Kauf und die Ausbeutung von indianischem Stammesland im Amazonasbecken vereinfachen sollten. Das Parlament kam damit der Forderung von über 60 Indianergruppen des Tieflandes nach, die am 9. August Kampfmassnahmen gegen die Dekrete aufgenommen hatten, schreibt die Neue Züricher Zeitung in ihrer Online-Version.

Der Entscheid der Legislative komme einer schweren Niederlage von Präsident García gleich, so die NZZ. Kurz vor der Parlamentsdebatte hatte dieser die Massnahmen nochmals energisch verteidigt. Er müsse dem Lande sagen, dass eine Ablehnung dieser Dekrete ein schwerer historischer Fehler wäre, der den Wandel bremsen würde und diese indianischen Gemeinschaften für ein weiteres Jahrhundert in Armut und Marginalisierung halten würde.

Die Rechtfertigung der Dekrete mit dem Hauptargument, diese seien für die Entwicklung der indianischen Gemeinschaften unerlässlich, sei allerdings nicht ganz überzeugend gewesen, da die Bewohner dieser Gebiete gleichzeitig geltend machten, sie seien nie konsultiert worden.

Das primäre Ziel der Regierung war wohl, durch private Investitionen neue Erdöl- und Erdgasreserven Perus zu entdecken, im Hinblick sowohl auf den wachsenden Binnenverbrauch als auch auf den Export. Dies werde in den Indianergebieten durch die geltende Gesetzgebung erschwert. García verlor die Abstimmung mit 29 zu 66 Stimmen sehr deutlich. Die gesamte Opposition – von links bis rechts – stimmte gegen ihn.

In der Sicht der protestierenden indianischen Gemeinschaften waren die Dekrete in erster Linie dazu da, die Veräusserung ihres Landes an grosse Ölgesellschaften zu erleichtern, so die NZZ. Für den Verkauf von gemeinschaftlichem Land war beispielsweise bisher das Einverständnis von zwei Dritteln aller Mitglieder notwendig; die neuen Dekrete reduzierten die notwendige Zustimmung auf 50 Prozent plus 1 Stimme.

Mit der Ausbeutung von Ölvorkommen auf ihren Territorien hatten die Indianerstämme aber in der Vergangenheit eher schlechte Erfahrungen gemacht, insbesondere was die Umweltverschmutzung und gesundheitliche Folgen für ihre Mitglieder betraf. Ihr Protest verlief unerwartet heftig. Sie besetzten Überlandstrassen, nahmen Polizisten als Geiseln und besetzten Anlagen zur Ölförderung und zur Elektrizitätserzeugung. Die Regierung musste in vier Provinzen des Amazonasbeckens den Notstand erklären, als der Aufstand die landesweite Versorgung zu gefährden begann.

NZZ online

Indianer in Städten

30.08.2008 - Amazonasindianer lebten bereits in Städten bevor die Europäer kamen. Archäologische Ausgrabungen und Luftaufnahmen im brasilianischen Amazonasgebiet haben dies jetzt bestätigt. Forscher unter der Leitung von Michael Heckenberger von der Universität von Florida haben zudem Belege für ein komplexes Straßen- und Siedlungsnetz gefunden. "Die Funde konnten wir auf das 15. Jahrhundert datieren, also noch auf die Zeit, bevor der erste Europäer Südamerika betreten hat", erklärt Mike Heckenberger, Professor für Archäologie. Der Wissenschaftler hat die Erkenntnisse jetzt im Journal Science veröffentlicht.

Bisher war man davon ausgegangen, dass es im brasilianischen "Upper Xingu Gebiet" keine menschlichen Siedlungen gegeben hat. Neben Mauerresten und Kochgeschirr fanden die Forscher Beweise dafür, dass die Bewohner eine intensive Fischereiwirtschaft betrieben. "In und teilweise vor den Städten fanden wir künstlich angelegte Teiche und Tümpel, die darauf hinweisen, dass man darin Fischfang betrieb", meint der Archäologie-Professor.

Die nun entdeckten Überreste weisen auf eine hoch entwickelte Kultur hin, deren Dörfer und Städte nach einem festen Muster aufgebaut waren. Zentrum einer jeden Siedlung war eine Plaza, wie sie auch aus südeuropäischen Städten bekannt ist. "Die Städte hatten dabei etwa die Größe einer durchschnittlichen mittelalterlichen Stadt", so Heckenberger. Um diese Zentren herum gruppierten sich kleinere Ortschaften, die vor allem durch landwirtschaftliche Nutzung geprägt waren. Wie im mittelalterlichen Europa oder dem antiken Griechenland waren auch die Amazonasstädte durch lange Befestigungswälle gesichert.


Die Forscher fanden bei ihren Untersuchungen noch Fundamente, die auf teilweise massive Bauwerke hinweisen. Innerhalb dieser Wälle konnten sie Wohnquartiere ausmachen, in denen sie neben Grundmauern von Häusern auch Müllplätze und Kochgeschirr fanden. Verbunden waren die einzelnen Ortschaften durch ein viel verzweigtes Straßensystem, das sich innerhalb der Städte immer entlang einer Nord-Süd- beziehungsweise Ost-West-Achse erstreckte und sich auf der Plaza traf. "Die Funde weisen darauf hin, dass sich die Straßenbaumeister bei ihren Planungen am Stand der Sonne am Tag der Sommersonnenwende orientiert haben", sagt Heckenberger.


Das abrupte Ende der Xingu-Kultur kam mit dem Eintreffen der europäischen Conquistadores im 16. und 17. Jahrhundert. Neben ihrer gewalttätigen Suche nach Gold und anderen Edelmetallen brachten sie vor allem Krankheiten wie Grippe, Windpocken und Masern mit nach Südamerika, gegen die die Ureinwohner keinerlei Immunabwehr aufwiesen. "Siedlung um Siedlung und schließlich ganze Regionen wurden in dem Maß aufgegeben, in dem sich die Bevölkerung verringerte", berichtet Heckenberger. Das ging so schnell, dass der einzige Augenzeugenbericht über die Xingu-Kultur von Zeitgenossen als Fabel angesehen wurde.


Journal Science
Pressetext
Weltonline

8.8.08

Tag der indigenen Völker

09.08.2008 Die UN erinnern heute daran, welche Greueltaten an eingeborenen Völkern begangen wurden. Der Tag soll gleichzeitig zu einem besseren Verhältnis zu indigenen Völkern aufrufen.

Die Indianer der Amazonas-Regenwälder sind von den europäischen Konquistadoren, Sklavenhändlern, Missionaren und Kautschukbaronen fast ausgerottet worden. Sie wurden nicht als gleichberechtigte Menschen anerkannt. Man nutzte sie als billigste Arbeitskräfte, vertrieb sie aus ihren Wäldern, nahm ihnen ihre Kinder, zwang sie, sich von ihrer Kultur abzuwenden.

Nur ganz langsam hat sich in den letzten Jahrzehnten ein neues Bewusstsein gebildet. Die Politik der brasilianischen Regierung hat sich grundsätzlich geändert. Die weit in die Wälder zurückgezogen lebenden Indianer dürfen heute nicht mehr von Weißen kontaktiert werden. Denn jeder Kontakt ist ein Schritt zur Zerstörung ihrer Kultur, ihrer Identität und ihres Wohlbefindens.

Doch sobald wirtschaftliche Interessen mit den Rechten der Ureinwohner in Konflikt geraten, ändert sich die Lage schnell zuungunsten der Ureinwohner.

So warnt die Gesellschaft für bedrohte Völker anlässlich des Internationalen Tages der indigenen Völker, dass die Suche nach neuen Energiequellen weltweit rund 90 Millionen Ureinwohner gefährdet. Die Menschenrechtsorganisation fordert, dass Behörden und Konzerne bei der Erschließung neuer Öl-, Erdgas- und Uranvorkommen, beim Ausbau von Biosprit sowie beim Bau von Groß-Staudämmen mehr Rücksichtnahme zeigen. Gemeinsam mit den Betroffenen müsse nach Lösungen zur Sicherung des Überlebens der indigenen Gemeinschaften gesucht werden.

Insgesamt gibt es noch rund 5.000 indigene Völker mit rund 370 Millionen Angehörigen. Besonders dramatisch sei die Lage in Brasilien, berichtet die GfbV. Noch zähle Brasilien zu den Ländern, in denen die meisten indigenen Völker in Regenwaldregionen lebten. Doch der geplante Bau von 70 neuen Staudämmen in Amazonien werde den Lebensraum Dutzender indigener Völker zerstören, unter ihnen rund 14.000 Juruna- und Arava-Indianer am Rio Xingu. Brasiliens Regierung ignoriere die Proteste der Ureinwohner und setze auf den Ausbau der Wasserkraft. Dabei habe Staatspräsident Lula da Silva noch vor seiner Wahl einen Stopp der Großprojekte gefordert.

Auch der Ausbau der Zuckerrohrplantagen zur Produktion von Ethanol- Kraftstoff soll in Brasilien drastisch vorangetrieben werden. Schon heute ist das südamerikanische Land der bedeutendste Ethanol-Exporteur der Welt. Während heute auf sechs Millionen Hektar Zuckerrohr angebaut wird, sollen dafür zukünftig bis zu 150 Millionen Hektar genutzt werden. Für die Bewässerung der Felder werden Flüsse umgeleitet und neue Staudämme gebaut. Der Ethanol-Boom sorgt auch dafür, dass der Soja-Anbau und die Rinderzucht immer mehr nach Amazonien abgedrängt werden, wo die Rodung der Wälder indianische Völker akut gefährde.

1.8.08

Kipp-Punkt am Amazonas?

01.08.2008 Der Amazonas-Regenwald droht auszutrocknen. Wird der Regenwald weiter vernichtet und schreitet die globale Erwärmung weiter fort, kann es zu katastrophalen Entwicklungen kommen.

Die meisten Menschen denken bei dem Wort "Klimaerwärmung" an einen langsam fortschreitenden Prozess: Doch schon bei relativ geringen Temperaturanstiegen kann das Klimasystem bereits so genannte Kipp-Punkte erreichen, bei denen es zu abrupten und drastischen Änderungen kommt. Eine weitere Erwärmung könnte für den Amazonas-Regenwald drastische Folgen haben, zu diesem Schluss kommt eine neue Studie des Umweltbundesamtes.

Im Winter 2005 gab es bereits im Amazonas-Regenwald eine schwere Dürre. Vor allem die Seitenarme des größten Stroms der Welt zeigten historische Tiefststände und einige Nebenflüsse waren ganz ausgetrocknet Eine globale Erwärmung zwischen 2 und 3 Grad Celsius, Rodungen und die intensive Ausbreitung von Straßen, Sojafeldern und Weideflächen für Rinder könnten schon bis 2050 zur Austrocknung von 40 Prozent des Amazonas-Regenwaldes führen.

Einige Klimamodelle ergeben einen vollständigen Zusammenbruch des Amazonas-Regenwaldes in diesem Jahrhundert. Dieser Fall würde die Region vor gewaltige Probleme stellen. Die globalen Folgen wären eine massive Zunahme der atmosphärischen Kohlendioxid-Konzentrationen und damit eine erhebliche Verstärkung der globalen Erwärmung.

Wann genau solche Kipp-Punkte erreicht werden, können die Wissenschaftler jedoch nur schwer bestimmen, da viele natürliche Prozesse noch nicht ausreichend erforscht sind. Jedoch ist sicher: Sind die Veränderungen im Klimasystem zu stark und nicht mehr umkehrbar, könnte eine Anpassung für den Menschen zu spät oder nur unter hohem Aufwand und extrem hohen Kosten möglich sein.

Entschlossenes Handeln ist daher zwingend erforderlich, so das Umweltbundesamt: Dazu gehört erstens, den Ausstoß der Treibhausgase in die Atmosphäre deutlich zu reduzieren. Zweitens müssen wir uns an die nicht mehr abwendbaren Folgen des Klimawandels anpassen - zum Beispiel durch die effiziente Nutzung der Wasserressourcen oder die Entwicklung trockenheitstoleranter Kulturpflanzen. Nur so lassen sich die Folgen eines sich ändernden Klimas in Grenzen halten und bewältigen.

Das Hintergrundpapier "Kipp-Punkte im Klimasystem - welche Gefahren drohen?" steht hier als pdf zum Download bereit.

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