Als Amazonaskind misshandelt

Die finstere Realität unzähliger Kinder

Amazonaskind
Sueli Menezes: Amazonaskind

Wer den Amazonas nicht nur als bezaubernd-exotischen Regenwald kennen lernen will, erfährt in dem Lebensbericht „Amazonaskind“ von Sueli Menezes schockierende Einblicke in eine finstere Welt. Armut, Verzweiflung, Missbrauch und Gewalt prägten ihr Leben. Nur einen Lichtblick gab es in der Düsternis.

Die Gewalt, die ihre Kindheit prägt und ihr Ausgeliefertsein wie ihre Rechtlosigkeit machen betroffen. Kinder werden vor den Augen anderer misshandelt und gedemütigt, ohne dass sich jemand daran stört. Die Seele der kleinen Sueli wäre wie die unzähliger anderer Kinder zerbrochen, hätte nicht ihr indianischer Großvater an ihrer Seite gestanden und hätte nicht ein französischer Ingenieur das misshandelte Amazonaskind zu sich genommen.

Doch sie entkommt damit nicht der Gewalt. Lange Zeit braucht sie, um ihre Geschichte zu erzählen. Vergewaltigung, heimliche Geburt ihres Kindes, Armut und Verzweiflung hat sie tief in sich begraben. In Österreich, wo sie als Sambatänzerin bewundert wird, ahnt niemand etwas von ihrer brutalen Kindheit am Amazonas.

Der indianische Großvater gibt ihr Halt und Mut

Es ist wohl das einzige Buch auf Deutsch, in dem das Leben der Caboclos anschaulich geschildert wird. Die Menschen, die am Amazonas-Ufer und an den Nebenflüssen leben, und keinem Indianerstamm angehören, heißen in Brasilien Caboclos. Sie sind Mischlinge aus Indianern, Portugiesen, Afrikanern, Kariben und anderen. In den Städten wie Manaus, der Hauptstadt des Amazonasgebiets in Brasilien, gelten die Caboclos als primitiv und ihnen wird keine Achtung geschenkt.

Als Schülerin verbirgt Sueli ihre Herkunft. Doch innerlich identifiziert sie sich mit dem Indianerblut in ihren Adern und fühlt sich stark mit ihrem Großvater verbunden. Dem einzigen Menschen, dem sie als Kind voll vertrauen kann. Dieser Indianer, der selbst eine grauenvolle Geschichte durchgemacht hat, gibt ihr Halt und verankert sie im Leben.

Die Geheimnisse des Dschungels bieten ein Stück Heimat

Durch den Großvater lernt sie die Geheimnisse des Dschungels kennen, mit ihm erlebt sie den Fischfang aus einem kleinen Einbaumkanu. Der Großvater lebt im Einklang mit der Dschungelnatur. Er hält sich an die traditionell gesetzten Grenzen, lebt von den Tieren des Amazonas und nutzt die Pflanzen des Dschungels, ohne unwiederbringlichen Schaden anzurichten.

Durch den Großvater festigt sich in ihr ein Bezug zum Amazonas-Dschungel. Ihr abgelegenes Geburtsdorf bleibt ein Stück Heimat für sie, in das sie auf der Suche nach ihrer Vergangenheit zurückkehrt.

Dem brutalen Vater verzeihen?

Ihr Verhältnis zum Vater zieht sich durch ihre Lebensgeschichte wie ein roter, man könnte sagen blutiger Faden. Sie erlebt in ihrem Vater einen brutalen Menschen, der seine Kinder nicht nur schlägt, sondern sie mit übelsten Methoden zurichtet, ja foltert. Kann sie ihm als erwachsene Frau, die sich mit Glück und durch ihren vitalen Charakter in Europa eine neue Welt schafft, kann sie diesem brutalen Mann verzeihen? Einem Mann, der bei seinem Besuch in Österreich als nett und interessant erlebt wird und über den sogar in der lokalen Zeitung berichtet wird.

Das Amazonaskind verfolgte mich bis in den Schlaf. Denn Menezes zeigt auch, dass ihr Schicksal kein Einzelfall ist und dass sich ihre Geschichte aktuell unzählige Male in Brasilien wiederholt. Sie engagiert sich für die Straßenkinder in Rio und Sao Paulo.

Kleine Kinder hausen in Erdlöchern am Rande der Mega-Städte

Der Leser bekommt einen Einblick in die Welt der ausgesetzten Kinder, die sich in Erdlöchern am Rande der Moloch-Städte am Leben halten. Menezes trifft auf Kinder von nur vier oder fünf Jahren, die in Erdlöchern hausen und denen sie mit Spendengeldern aus Österreich das Nötigste zum Überleben bringen kann. Ein Tropfen auf dem heißen Stein, denn die Mega-Städte wie Sao Paulo schicken eine unübersehbare Menge von kleinen Kindern auf die Straßen, überlassen sie sich selbst, mit allen Auswüchsen von Kriminalität, Prostitution oder Drogenabhängigkeit.

Kinder auf offener Straße misshandelt

Nach Lektüre dieses Buches verschieben sich die eigenen Bilder vom grünen, bunten, exotischen Dschungel und den Vorstellungen, die man vom Leben am Amazonas hat. Das Buch legt die Seele der Menschen bloß und lässt jedenfalls den in „normalen“ Verhältnissen lebenden Europäer erschrecken. Denn in der brasilianischen Gesellschaft findet das Grauen, die Missachtung der Rechte, die Misshandlung und Demütigung nicht im Verborgenen statt, sondern auf der Straße. Im Dschungel schauen die Nachbarn zu, wie die Kinder malträtiert werden. Nur einmal schreitet eine alte Frau aus der Nachbarschaft ein, kurz bevor die kleine Sueli zu Tode geschlagen wird.

Das Amazonaskind sollte jeder lesen, der zumindest eine Ahnung von der Realität, unter der vor allem die Kinder am Amazonas und in den brasilianischen Großstädten leben müssen, bekommen möchte.

Quellen:
  • Sueli Menezes: Amazonaskind, Ullstein Taschenbuch 2005
  • Webseite von Sueli Menezes hier

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