Ameisen in Amazonien können nicht nur unangenehm zwicken. Wenn die Armeeameisen zu Hunderttausenden auf Raubzug gehen, bringen selbst die Indios ihre Kranken und Kleinkinder in Sicherheit. Die Ameisen greifen nicht nur alle Arten von Insekten an, selbst die giftigen Spinnen. Sie stürzen sich auch zu Hunderttausenden auf größere Tiere, wenn diese schwach oder krank sind.
Wenn sie auf Raubzug gehen, halten sie auch scheinbar unüberbrückbare Hindernisse nicht auf. Viele Tausend Ameisen können sich so ineinander verhaken, dass sie eine Brücke bilden für die Zigtausend anderen.
Die Rettung der Königin - wie Ameisen mit einer Flut fertig werden.
Doch nur in der Gemeinschaft erbringen die Ameisen erstaunliche Leistungen. Geraten einzelne Ameisen ins Abseits, verlieren sie die Orientierung, finden nicht zu den anderen zurück und laufen sich im Kreis zu Tode. Die Ameisen sind nur als Teil ihres Verbundes lebensfähig.
In der Vernetzung mit ihren Artgenossen sind die Armeeameisen unschlagbar. In einem Biwak, eine Art Ameisennest, halten sich bis zu 700.000 Tiere gleichzeitig auf.
Pilzzucht im Ameisennest
Wenn die Blattschneiderameisen in riesigen Kolonnen unterwegs sind, scheint sich das gesamte Laub am Boden fortzubewegen. Jede Ameise schleppt ein Stück Blatt oder Blüte zu ihren unterirdischen Nestern. In einem Nest sind ständig bis zu einer Million Arbeiterameisen in Aktion. Bis zu 28 solcher Nester hat man auf einem Hektar gefunden. Diese Nester reichen 2 Meter tief in den Boden. Im Nest sorgt ein ausgeklügeltes System der Be- und Entlüftung für ein optimales Klima zur Aufzucht der Brut.
Wenn die Blattschneiderkolonien losziehen, zerschneiden sie in kurzer Zeit das Laub ganzer Bäume. Ein Heer dieser Ameisen kann jeden Garten oder jeden Acker vollständig zerlegen. Nicht gerade einfach für denjenigen, der in ihrem Einzugsbereich Landwirtschaft betreiben will.
All das Grünzeug, das sie zusammen rauben, verschmähen sie. Diese Art von Rohkost scheint ihnen nicht zu schmecken. Kein Wunder: Viele Pflanzen versuchen sich gegen Insektenfraß zu schützen, indem sie Gifte produzieren und ihr Grün so unbekömmlich werden lassen.
Die Ameisen mussten sich also etwas einfallen lassen! Sie zerraspeln alle Blätter in winzige Teilchen, zerkauen alles zu einem Brei. Auf dieser Masse züchten sie kleine Pilze. Sie pflegen diese Pilzbeete, bis aus ihnen kleine Knöllchen wachsen, voller Nährstoffe. Diese Knöllchen werden von den Ameisen geerntet und verspeist. "Man kann sagen, dass die Blattschneiderameisen eine Form der Landwirtschaft entwickelt haben, die der unseren frappierend ähnelt - und das Jahrmillionen vor dem Menschen", sagt der Evolutionsbiologe Simon Conway Morris im Spiegel-Interview (40/2003).
Angesichts dieser Raffinesse im Überlebenskampf stellt Uwe George die Frage, ob nicht die als Kollektiv sich derart intelligent verhaltenden Ameisen beweisen, dass Intelligenz schlechthin durch die Vernetzung sehr vieler einzelner Schaltelemente von oft trivial einfacher Funktionsweise zustande kommt. Und schließlich, ob der ganze amazonische Regenwald mit seinen Abermillionen Pflanzen und Tierarten, die alle vielfältig miteinander vernetzt sind, nicht überhaupt ein Überorganismus ist, eine Art gewaltiges grünes Gehirn.