Der Leser bekommt einen Einblick in das vergangene und jetzige Leben der Indianer, erfährt von der Sklavenjagd und der grauenvollen Kautschukepoche, in der viele Tausende Indianer in Arbeitslagern starben, ganze Indianerstämme ausgerottet wurden und erlebt mit dem Autor den Alltag der Indianer heute. Dabei sind die historischen Fakten nicht künstlich in die Geschichte eingestreut. Sie stören den Erzählstrang nicht, sondern sind eng mit dem Erlebten und der Reise verbunden.
Den Río Caquetá bereiste 1820 ein deutscher Forscher, der nach Alexander von Humboldt wohl der bekannteste deutsche Forschungsreisende im Amazonasgebiet war: Carl Friedrich Philipp Martius, ein Botaniker, der im Auftrag König Maximiliam I.von Bayern reiste. Gemeinsam mit seinem Freund Johann Baptist Spix wollte er die Indianer im Naturzustand finden. Martius beschloss, den Río Caquetá zu erkunden, dort lag die Terra incognita, deren Schleier selbst der große Humboldt nicht gelüftet hatte.
Ihr Geist ist unruhig
In diese noch heute völlig abgeschiedene Gegend wagt sich Frank Semper vor, auf den Spuren des deutschen Forschers. Er wird vom Indianerhäuptling Boa vorgeladen. Der akzeptiert ihn schließlich: „Wir brauchen die Abgeschiedenheit von der Welt der Weißen, um zu überleben. Aber wir brauchen auch den Kontakt, um die Welt der Weißen zu verstehen“, sagt Boa.
Mit Indianern als Begleiter kann Semper nun weiter in den Amazonas vordringen, dabei klingen ihm noch die Worte des Häuptlings nach: „Die Sklavenjäger und die Kautschukbataillone sind verschwunden. Die Weißen kommen und gehen. Früher interessierten sie sich für Gummi und Chinarinde, dann für die Felle der Riesenottern und die Federn der Kraniche, heute für die Fische, morgen für die Bäume. Ihr Geist ist unruhig und zerfahren. Sie wissen nicht, wo ihr Platz in der Welt ist. Unser Platz ist hier, denn in der Welt der Weißen verirren wir uns wie die Fische in den Strudeln der Flüsse“.
Als kleines Mädchen verschleppt
Er begegnet einer alten Indianerin, auf deren Unterarm eine Zahl eingebrannt ist. Er gewinnt ihr Vertrauen und hört ihre Geschichte, die gleichzeitig die Geschichte ihrer Familie und ihres Volkes ist. Sie handelt von der Zeit der Kautschukbarone, dem unermesslichen Reichtum, den diese sich aneigneten. Doch dieser Reichtum basierte auf der Versklavung zigtausender Indianer.
Die Frau war als kleines Mädchen verschleppt worden, auf einem Platz mit anderen Indianern zusammen getrieben. Dort mussten sie als erstes einer Strafaktion beiwohnen. Ein weißer Mann hieb einer Indianerin den Kopf ab. Diese hatte sich geweigert, ihren Mann zu verlassen und mit einem weißen Mann zu schlafen. Danach wurden sie von Aufpassern in die Quartiere getrieben. „Ich blieb eine Gefangene, bis ich eine Frau wurde. Ich arbeitete, ich hungerte. Meine Mutter starb an Hunger. Schließlich konnte ich fliehen und zu meiner Erde zurückkehren“, erzählt die alte Indianerin.
Der Regenwald ein Schlachtfeld
Im Dschungel hatten die Kautschukbarone eine Sklavenwirtschaft errichtet, von der in London die Börsianer nichts ahnten, als sie die Aktien der Kautschukfirmen in die Höhe schnellen ließen. Semper berichtet von dem Amerikaner Hardenberg, der in die Sklavenlager gerät, selbst nur schwer entkommt und zurück in seiner Heimat über die unmenschlichen Zustände in den Sklavenlagern schreibt.
Eine Untersuchungskommission unter dem britischen Konsul Roger Casement wird eingesetzt, um die Zustände zu überprüfen. Casement war ein prominenter Menschenrechtsaktivist. Der Bericht schilderte im Detail die brutale Ausbeutung der Indianer durch die Kautschukbarone, den Menschenhandel und den Völkermord. Vor allem ging es um den peruanischen Kautschukunternehmer Julio Cesar Arana. In dem Gebiet seines Unternehmens hatten anfänglich 50.000 Indianer gelebt. Zurzeit des Casement-Berichts gab es von ihnen noch 8.000 Überlebende. Das Unternehmen Arana hatte den Regenwald in ein Schlachtfeld verwandelt, schreibt Semper.
Im Dschungel herrscht die Guerilla
Wir befinden uns in Kolumbien, dem Land der Drogen und Guerilla. Semper hat einen der seltenen Berichte über das Amazonasgebiet in Kolumbien verfasst. Wir erleben die Vorbereitungen dieser Reise in Leticia, der südlichsten Stadt Kolumbiens im Grenzgebiet zu Peru und Brasilien. Mit einem kleinen Transportflugzeug geht es nach Pedrera, wo die Armeebasis größer ist als die Stadt selbst. Doch die Soldaten verlassen ihre Kaserne nicht, sie kennen sich im Dschungel nicht aus, dort herrscht die Guerilla. Semper nimmt uns schließlich mit auf die Reise den Río Caquetá entlang. Es wird auch eine Reise in die Vergangenheit des Flusses und seiner Menschen.
Für Semper bedeutet der Amazonas die Hoffnung auf einen Neubeginn. Er schreibt: „Ich konnte die fest geschriebenen und fest zementierten Denkgewohnheiten meiner Welt hinter mir lassen. Das tägliche Grauen aus hetzenden Menschen, Supermärkten, Verkehrsstaus, Parkplatzsuche, Handyklingeln und Fernsehbildern lag unendlich weit hinter mir. Amazonien war das Land, dem ich mich auslieferte. Alles war direkt, ohne Filter. Alles entstand neu“.
Wer ins Amazonasgebiet Kolumbiens reisen will, kommt um dieses Buch nicht herum. Doch jedem Amazonas-Reisenden werden mit Sempers „Tor zum Amazonas“ Hintergründe verdeutlicht und durch den historischen Blick des Autors Zusammenhänge klar. Jeder Amazonas-Reisende sollte sich mit der Geschichte der Indianer auskennen, dazu gibt dieses Buch eine Fülle von Anregungen und Fakten.
Frank Semper, Jahrgang 1962, lebt in Hamburg und Kolumbien. Der Verleger und Reisebuchautor promoviert im kolumbianischen Indianerrecht.