Unterwegs in Südamerika
Wie in einer Hamburger Plattenbausiedlung
Sabina und Georg berichten per Email von ihrer Reise durch den Amazonas und Paraguay Teil 4
© Georg Lennarz
Sabina Schmidt und Georg Lennarz aus Bonn sind ein halbes Jahr in Südamerika unterwegs - nachdem sie den Amazonas kennen gelernt, die Anden in Peru und Bolivien überquert haben, reisen sie nun nach Paraguay.
von Sabina Schmidt
14. Februar 2005
„Picada 500“; Bolivien, Paraguay
Wir wollen nach Paraguay. Der Landweg über die südöstliche Grenze scheint nur wenigen bekannt zu sein, es gibt keine sicheren Informationen, so dass wir es, wie so oft, einfach versuchen müssen. In Ibibobo, einem kleinen Dorf etwa 100 Kilometer vor der paraguayischen Grenze, bekommen wir den Ausreisestempel und werden von einem Reisebus bis Mariscal, Nordparaguay, mitgenommen, der die Picada 500, eine etwa 240km lange Strasse, die Bolivien und Paraguay verbindet, entlangfaehrt.
Eine scheinbar endlose Strasse, deren Ende am schimmrigen Horizont im Nichts verschwindet, durch eine trostlose Landschaft, die sich dorniges Gestrüpp und einige wenige Flaschenbäume teilen. Die „Picada“ ist bisher der einzige Weg unserer Reise, der schnurgerade verläuft, ganz ohne Kurven. Es ist sehr heiss, durch die offenen Fenster dringt warmer Wind. Die dicken Reifen rollen über den unasphaltierten Erdweg und schleudern Staub in die Luft.
Wir schlucken Staub und werden vom Staub geschluckt. Manchmal wird diese erdbraune Kulisse ganz plötzlich von dem Flattern
kleiner Schmetterlinge unterbrochen, die den Bus ein paar Meter begleiten.
Ganz unscheinbar sind sie, wenn sie am Wegesrand sitzen, doch breiten sie
ihre Flügel, sind sie mindgrün und weiss und fliegen aufgeregt
durcheinander. Paraguayischer Schnee.
Durch die lang zurückliegenden starken Regenfaelle haben sich an manchen
Stellen metertiefe Wasser- und Schlammlöcher gebildet. Wir bleiben mehrmals stecken, der Bus neigt sich gefährlich zur Seite, die Reisenden müssen durch das Fenster aussteigen. Der Gepäckraum wird mit brauner Erdbrühe geflutet, unsere Rucksäcke samt Inhalt nehmen die Farbe des hier
beginnenden paraguayischen Chacos an. Wir sind da.
16. Februar 2005
Mariscal, Chaco Paraguay
Ein verstaubtes Dorf am Ende des Staubes. Hier beginnt die asphaltierte
Strasse, die durch den Chaco Richtung Asuncion führt. Die Strasse ist
gesäumt von einigen Häusern, hier leben nicht viele Menschen. Hier
sprechen wir Deutsch: mit Larry, einem reichen Mobiltelefonverkäufer mit
deutsch-russischer Herkunft, mit Werner Sellbach, Fotograf aus
Königswinter, der hier in einer ursprünglich schweizer Kolonie lebt und
mit Theo, dem Hamburger, einer der vielen deutschen Auswanderer, der hier mit seiner Familie sein Glück gesucht hat. Hat er es gefunden?
Er, seine Frau und seine Tochter leben in einem alten Holzhaus am Rande
Mariscals. Der erste Eindruck ist nicht anders als der Blick in eine der
hundert Wohnungen einer Hamburger Plattenbausiedlung: eine schwere
Holzeckbank, grosse, überquellende „Becks“-Aschenbecher, sich stapelnde
benutzte Teller und Tassen, ein paar vergilbte Fotos an den Wänden.
Sie leben von seiner kleinen deutschen Rente und der „Kneipe“, die sie in ihrem Garten haben. Wir trinken Bier und essen Graubrot mit Griebenschmalz, während uns Theo Geschichten aus seinem Leben erzählt. Er will nichts wissen von Deutschland, sagt er. Seit 1986, seiner Ankunft hier im Chaco, war er nicht mehr dort. „Nenn mir fünf Dinge, die in Deutschland erlaubt und nicht irgendwie reglementiert sind“, sagt er. Ich denke lange nach.
18. Februar 2005
Filadelfia, Chaco Paraguay
Hier erinnere ich mich an den Nachmittag, als ich in Mariscal dem kleinen
Blondschopf den Kopf gestreichelt und ihn lachend gefragt habe, warum er
denn so blond wäre, ob er wohl nordische Vorfahren habe und mich dann
wunderte, dass er mich ganz verwundert anblickte und nichts sagte. Jetzt
verstehe ich, wie unverständlich meine Frage für ihn gewesen sein muss:
Hier in Filadelfia, der Hauptstadt der mennonitischen Kolonie Fernheim, sind alle weiss und haben helles Haar. Die Vorgärten der Backsteinhäuser werden hier gemaeht, die Hecken geschnitten, in der Post gibt es Schilder mit der Aufschrift „Neues Telefonbuch 2005“, beim Motorradverleih dudelt deutsche Volksmusik aus dem Radio. Keine Strassenstände, die Empanadas verkaufen, keine alten, klapprigen Autos auf ueberfüllten Strassen, keine Salsarhythmen aus grossen Boxen, keine dunkelhäutigen kleinen Jungs, die nach Geld fragen.
Südamerika ist hier in Klammern gesetzt.
Die ersten Mennoniten, eine religiöse Gemeinschaft, die nach dem ersten
Weltkrieg aus dem damaligen russischen Teil Deutschlands geflohen sind,
siedelten sich hier 1929 an. Die paraguayische Regierung bot ihnen den Chaco an mit der Hoffnung, das die fleissigen und disziplinierten „Mennos“ das völlig verwilderte und fast menschenleere Gebiet in ein produktives Stück Land verwandeln wuerden. Genau das ist passiert. Das Territorium ist aufgeteilt in viele verschiedene rechteckige Gebiete, die damals den
einzelnen Siedlern zugeordnet wurden und immer noch in Familienbesitz sind.
Jede mennonitische Familie besitzt eine der sogenannten „Estancias“, Landhäuser auf zum Teil tausend Hektar grossen Flächen und betreibt exessive Rinderzucht. Die wenigen Paraguayer, die hier leben, sind als Landarbeiter oder Haushälterinnen angestellt. Für sie gibt es wöchentliche Bibelstunden bei kaltem Terere ( grüner Tee).
Eine kulturelle Vermischung hat hier nicht stattgefunden, was schon allein daran zu erkennen ist, dass die Mennoniten Plattdeutsch sprechen und auch die in Paraguay Geborenen dem Spanischen meist nicht mächtig sind. Ordnung und Disziplin unter Isolation?
25. Februar 2005
Cataratas de Iguazu, Argentinien
So viel Masse! So viel Wasser, das sich den Rio Iguazu herunterdrückt und
in den Engen immer schneller wird. Das Beeindruckenste des Nationalparks
des Iguazu sind seine weltbekannten, über 80 Wasserfälle. Hier wirkt das
Wasser wütend, rasend vor Wut. Jeder Wassertropfen scheint schneller sein zu wollen, sie drängen sich aneinander vorbei, fallen 80 Meter in die
Tiefe, fliegen als meterhohe Gischt zurück in die Luft und schwimmen
irgendwann weiter, wenn sie Glück haben, als Rio Paraguay.
Eine organisierte Bootsfahrt bringt uns direkt unter einen der etwas sanfteren
Fälle, deren Wucht beängstigend und gleichzeitig faszinierend ist. Ich
möchte noch näher an den Wasserstrahl, möchte dieses sich hier
aufspaltende und wieder zusammenkommende Element spüren.
Ich muss kurz an den Tsunami denken. Und auch daran, dass dieses Wasser hier immer fliessen, dass dieses Bild bleiben wird, eine Bewegung, die kein Ende findet, etwas, das in seinem Wesen das von den Menschen oft ersehnte Gefühl des Ewigen trägt.
4. Maerz 2005
Punta del Diablo, Uruguay
Etwa 400 Kilometer östlich der Hauptstadt Montevideo liegt an der
atlantischen Küste ein Fischerdorf, dessen Begegnung mit dem Meer seinem
Namen alle Ehre macht. Die Wellen, die hier den Strand erreichen, sind
gross, ruppig und spielen mit dem mutigen Schwimmer wie mit einem
Wasserball.
Die meisten Einwohner leben inzwischen nicht mehr von der Fischerei, es sind
nur noch wenige Fische, die den ueber 20km langen Hochseenetzen der
brasilianischen Schiffe entwischen. Man hofft hier auf eine politische
Regelung, seit dem 1. März ist die neue „Links“-Regierung Tabare Vasquez an
der Macht und die Armen dieser Gegend glauben fest an sie.
Der Tourismus steigt hier stetig, immer mehr Souvenirläden und kleine Restaurants
versuchen davon zu profitieren. Horacio, der alte Waise mit dem weis(s)en
langen Bart, will nicht, dass die „Gringos“ kommen. „Dann verdeckt mir so
ein blöder hoher Hotelturm die Sicht auf das Meer und ich kann nicht mehr
nackt baden gehen“.
Zur Zeit arbeitet er auf dem Bau, verdient 250 Pesos am
Tag (10 Dollar), lebt in einer alten Holzhütte, ohne Strom und Wasser. „Hay
lo que hay“, sagt er. Auch er könnte mit den Touristen Geld verdienen. Aber
die Wege, die hinunter zum Strand führen, sollen nicht asphaltiert werden,
sagt er. Er liebt sein Leben. Ohne Touristen, ohne Verkauf. Der Tausch wäre zu hoch.
Menschen wie ihn gibt es hier nicht mehr viele.
8. Maerz 2005
Buenos Aires, Argentinien
Regen, Regenschirmverkauefer, Gummistiefel, italienische Cafes, Pasta,
Pizza, Petitfour, Plazas, Mode, schoene Frauen, schoene Maenner, Piazolla,
Gardel, Regen, Metro, Taxifahrerentlosgespraeche, Theater, Ballet,
Festivals, Pferderennen, Fussball, Regen, Leuchtreklame, Dichter, Denker,
Arbeitslose, Borges, Cortazar, Touristen, Strassenkarten, Hafen, Schiffe,
viel zu teure Fischrestaurants, Regen, Fussgaengerampeln, Mercedes,
Filmhochschule, Krawatten, Strassennamenschilder, Parkplatzsuchende, Regen,
Konzertplakate, Zeitungsverkaeufer, Kabelfernsehen, Tauben, Parkbaenke,
Zahnarztpraxen, Shoppingmalls, Regen.
Buenos Aires, gute Winde.
Stetige Sinnsucht sucht Seinesgleichen, sind Suechtige, suchen Sehende.
Reisende reisen Reisen restlos rauf runter richtig rum,- rueckwaerts rar.
Gestiken gebaehren Geschichten, gierige Glaeubige gucken gen Gesichter.
Enden existieren eben ebenfalls endlos, ergo entsteht eine erwartete Endung
in Endenich. ENDE.
copyright: Sabina Schmidt
Was wollt ihr denn in Paraguay?
von Georg Lennarz
Die Piccada 500 ist eine 240 km lange Strasse die Bolivien mit Paraguay, in gewisser Weise den wilden Westen mit dem zivilisierten Osten des Kontinentes verbindet. Das wildeste dabei ist sie wohl selber.
240 km Strasse? Nachdem man in Bolivien ohnehin die letzten Tage Richtung Grenze nur noch auf Pisten gefahren ist, ist die Piccada 500 ein Sandweg, schnurgerade durch den Chaco, einer unbewohnten Ebene aus nichts als ausgetrockneten Dornenbüschen.
Befahren haben wir sie mit einer Art Reisebus, den wir am Militärcamp, an dem die Ausreisekontrolle aus Bolivien stattfindet, angehalten haben. 240 km und 15 Stunden später, an der Einreisekontrolle schon mitten in Paraguay, waren im Bus 4 Sitze zusammengebrochen, das einzige Fahrzeug, dem wir begegnet sind, war ein seit Eineinhalbstunden im Schlamm steckengebliebener anderer Bus, den wir herausgezogen haben. Im weiteren Verlauf sind wir selber viermal versunken (glücklicherweise mittlerweile begleitet von dem anderen Bus, der uns mit einer schweren Kette rettete), aber so tief, dass die Gepäckfächer unter dem Buss mit Schlamm und Wasser geflutet waren. Also auch unsere Rucksäcke, und zwar komplett.
"Was wollt ihr denn in Paraguay," war die Frage, die uns alle Bolivianer gestellt haben, "da gibt es nichts als Armut, kein Wasser, nichts zu Essen, nichts?"
Sie haben diese Grenze wohl noch nie überfahren (welch Wunder), Paraguay ist, wenn man erstmal angekommen ist, ein wunderbares Land. Empfangen hat uns dort eine vergessene Welt, ein Stück Nordfriesland, menonitische Kolonien, Auswanderer in der zweiten Generation aus Russland und Kanada. Plattdeutsch ist die Sprache, Spanisch maximal eine Fremdsprache. Es gibt ein "Postamt Fernheim", eine Calle Hindenburg, Graubrot. Deutsche Kultur, es ist sauber, gepflegt und geordnet. Und dazwischen landlose Indianer die, jedenfalls teilweise, Plattdeutsch reden. Abgeschnitten von der Heimat, Fernheim halt.
Und es ist der Beginn des Ostens. Nach noch etwas chaotischen Städten wie Asuncion oder Ciudad del Este, der "korruptesten Stadt Südamerikas", fahren wir über Urugay nach Argentinien. Die kulturelle Fallhöhe reduziert sich deutlich. Die Strassenmärkte, der Lärm, das Chaos, verschwinden, es erscheinen Wiesen mit Kühen, asphaltierte Autobahnen, Zentralheizung im Hotel, es regnet zwischendurch sogar. Es ist Sommer, wir machen Urlaub am Strand, besuchen Buenos Aires und, mittlerweile fast unvermeidlich, kommen nächste Woche Mittwoch nach hause.
Was ich vergessen habe sind die Wasserfälle von Iguazu. Glücklicherweise hat mich Joerg Pilawa nicht danach gefragt, denn ich hatte noch nie was von ihnen gehört, aber jetzt... ich zeige Euch die Photos!
copyright: Georg Lennarz
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