Unterwegs im Amazonas
Kopfschmerzen und Magenkrämpfe
Sabina und Georg berichten per Email von ihrer Reise durch den Amazonas und Peru Teil 3
© Georg Lennarz
Sabina und Georg aus Bonn sind ein halbes Jahr in Südamerika unterwegs - nachdem sie den Amazonas kennen gelernt haben, warten nun die Anden mit Höhenkrankheit und Wüstensand auf die Traveller.
von Sabina Schmidt
28. November 2004
Chiclayo, Peru
Die Kueste und der Pazifik, lang ersehnt, endlich vor uns! Die letzte Woche sind wir in Arthur Newton, dem klapprigen roten Japaner von Yurimaguas bis hierher gefahren, begleitet von den zwei peruanischen Schwestern und Ane, der Kanadierin. Durch den anhaltenden tropischen Regen waren die unaspfaltierten Strassen nicht passierbar, wir rutschen, kommen nicht weiter, im Motor brennnt eine Sicherung durch, schon in dem ersten kleinen Dorf, Kilometro 17, muessen wir auf den Mechaniker warten.
Leny und Esli, besagte peruanische Geschwister, haben wohl ueberall Familie, so dass wir unsere Haengematten in die Bar eines kleinen Motels haengen duerfen. "24 Stunden geoeffnet" heisst fuer uns: Die Trucker schluerfen ihre Suppe morgens um drei und erzaehlen sich die unheimlichen Geschichten ueber die bislang ungefassten Strassenraeuber auf dieser Strecke.
Am naechsten Morgen fuehrt uns die Strasse durch die Berge, "el cuello" (der Hals) wird diese Region genannt, bis nach Moyobamba. Von dort geht es am naechsten Tag weiter nach Chiclayo, durch die Ausläufer der Cordillera Blanca, die Strasse ist voller Gestein.
Die Polizisten, die uns immer wieder anhalten, warnen uns vor Steinschlag und den vielen Strassenräubern, die diese abgelegene und wenig befahrene Strecke oft belagern. Die Landschaft ist rauh, riesige Schluchten, dazwischen Flüsse und grüne Täler. Die Tropen liegen nun endgueltig hinter uns. Chiclayo erreichen wir erst spät in der Nacht.
30. November 2004 Trujillo
Die Panamericana, die wir an der Kueste entlang von Chiclayo nach Trujillo fahren, bietet ein trostloses Bild: Wir fahren durch eine gelb-braune Landschaft, wuestenartig, Wanderduenen,, kahle Berge, kein Pflaenzchen und starker Sandwind. Es ist heiss, die Luft ist trocken. Der rasante Wechsel zwischen gestern und heute, zwischen Ost und West, ist beeindruckend. Und es ist mehr als nur die Landschaft, die sich hier veraendert:Es laesst den Reisenden so schnell vergessen, worin er eben noch gelebt hat. Noch vergaenglicher kann die Zeit sich nicht zeigen.
Trujillo ist eine alte Kolonialstadt, deren Haeuserfassaden die Geschichte der imperialen spanischen Architektur widerspiegeln. Die alten Haeuser mit den riesigen Toren und den schmiedeeisernen, kunstvoll zu Figuren geformten Fenstergittern lassen mich an Pizarro denken, an den spanischen Herrscher und seinem Gefolge. Europaeische Spuren, alte Spuren und in Gespraechen mit Peruanern ueber ihre Geschichte noch nicht verheilte Wunden. Nahe bei Trujillo preinkaische Kunst der Moche (100 bis 700 vor Chr.)und der Chimú (600 n. Chr.- Anfang 1400). Die pyramidenfoermige Tempel der Moche und der alte Tschudi-Palast der Chimu-Elite goennen uns wieder einmal eine Zeitreise: Was sind eigentlich "Hoch-Kulturen"?
5.Dezember 2004, Huanchaco
Etwa 15km liegt dieses kleine Dorf von Trujillo entfernt direkt am Pazifik. Touristen aus aller Welt tummeln sich auf der "Strandpromenade". Da denke ich an die Mittelmeerkueste Spaniens, doch nur solang, bis mich der kleine Schuhputzer mit seinen von Schuhfarbe ganz schwarzen Fingerchen am Aermel zieht. Ich trage Sandalen, bin ein schlechter Kunde.
"Ceviche", eingelegter Fisch in Zitrone und Koreander, mit geroesteten Mais und Suesskartoffeln, typisches Mahl fuer Kuestenbewohner, ja, den bekommst Du. Mittags trauen wir uns in Neoprenanzuegen in den ca. 1o Grad kalten Pazifik, paddeln auf dem geliehenen Surfboard den riesigen Wellen entgegen. Die sollen uns wieder zurueckbringen, ein kleines Stueck zumindest. Als kaltbluetige Anfaengerin schlucke ich mindestens 5 Liter Salzwasser und schaffe es, mich vier oder fuenfmal auf das Board zu stellen, bis mich die kraeftigen Wellen wieder umschmeissen.Und es sieht so leicht aus vom Strandcafé...
8. Dezember 2004, Strecke Trujillo- Caraz, Cordillera Blanca, 2200m Hoehe.
Der Bus hat 40 Sitzplaetze, von denen acht oder neun doppelt und dreifach verkauft wurden. Die zuletzt Zugestiegenen muessen die 6 stuendige Fahrt im Gang stehend verbringen. Die Fenster klemmen, die Luft im Bus ist schnell verbraucht. Drei Maenner sind mit ihren Haehnen auf dem Weg zu einem ganz besonders wichtigen Hahnenkampf in einem kleinen Bergdorf und ihre trainierten und mit Vitaminen vollgepumpten rotgekroenten "Besten" lassen keinen Zweifel aufkommen, dass sie alles geben werden heute Abend.
Der Bus schlaengelt sich durch eine tiefe Schlucht, "Caño de Pato", umsaeumt von hohen Erdaufschuettungen, die an eine ueberdimensionale Baustelle erinnern und an deren Haengen man die Spuren der letzten Erdrutsche erkennt. Die enge Strasse ist zum groessten Teil nicht befestigt, mit dem Hinterrad bleibt der Bus manchmal ein wenig ausserhalb des Strassenverlaufs. Bruecken sind teilweise nur Stahlstaemme, die mit dicken Holzbrettern belegt sind.
Einige der dicken "Campesinas", der Landfrauen in ihren bunten Tracht aus vielen uebereinandergezogenen Roecken, roten Blusen und dem hohen Strohhut mit der breiten Kraempe, bekreuzigen sich mehrmals auf dieser Reise. Als auch der Busfahrer beginnt, sich vor jedem in den Felsen gehauenen Tunnel zu bekreuzigen, beginne auch ich, die an europaeische Strassenverhaeltnisse gewohnte "Gringa",ein weiteres Mal ueber Gott nachzudenken.
9. Dezember - 12. Dezember 2004 , Caraz
Unsere Bergtour durch die Cordillera Blanca beginnen wir in Cashapampa, in einer Hoehe von 2900m. Auf der kopierten Wanderkarte ist unsere Strecke eingezeichnet, auch die vier Camps, die man vor vier Uhr nachmittags erreichen sollte. So scheint unsere erste Etappe harmlos: 10 km durch die Berge, wir werden bis zum ersten Camp etwa 900 Hoehenmeter hinter uns legen.Wir trinken Cocoa-Tee (gegen die Hoehenkrankheit), es ist anstrengend, wir muessen viele Pausen machen, es wird schnell kalt, also nur kurzes Innehalten. Die Landschaft erinnert an die maerchenhafte Welt der Middleearth aus "Herr der Ringe". Ob es an der Hoehe liegt, dass ich hier und dort kleine Bergzwerge hinter den riesigen Felsen verschwinden sehe?
Als wir das erste Camp erreichen, liegt vor uns der schneebedeckte Gipfel des Alpamayo (5910m). Nur kurz koennen wir staunen: Es faengt an zu regnen,es regnet die ganze Nacht durch, wir verbringen agonische Stunden im Zelt, eingewickelt in Daunenschlafsaecke, in der absoluten Dunkelheit der Berge, wartend und schlafen irgendwann morgens ein, im Wiegenlied der pochenden Kopfschmerzen, die nicht aufhoeren wollen. Die Hoehe. Warum immer in die Hoehe? Warum wollen wir immer in die Hoehe? Nacht-gedanken, dilyrisch. Kalt-klammer Morgen, das naechste Camp ist 14km entfernt und liegt etwa 400m hoeher.
Da uns kein langer Aufstieg bevorsteht, sind wir optimnistisch, der Regen hat aufgehoert, wir koennen uns sogar ueber die phantastische Aussicht freuen, die Luft ist glasklar, wir atmen und atmen, schneller zwar als sonst, aber sehr bewusst. Der Regen setzt wieder ein, der Fluss im Tal, den wir ueberqueren muessen, ist voellig ueberflutet und wir muessen nackt bis auf die Unterwaesche, mit dem Rucksack ueber unseren Koepfen durch das Hochwasser waten, um an das andere Ufer zu gelangen. Wir ueberlegen, am Wegrand unser Zelt aufzuschlagen,voellig ausgelaugt, zweifeln wir daran, das naechste Camp erreichen zu koennen. Doch wir wissen, dass wir weiter muessen, das der Weg sonst morgen noch laenger wird.
Am Fusse der "Nevados Pucajirca" (5810m), auf einer kleinen als zweites Camp ausgezeichneten Plattform verbringen wir die zweite Nacht, die wieder kalt und regnerisch ist. Meinem Magen macht die Hoehe zu schaffen, zu den anhaltenden Kopfschmerzen kommen Magenkrämpfe und das regelmaessige Leeren jenes Organs dazu. Wir essen nichts, ein weiteres Symptom dafuer, dass uns die Hoehenkrankheit vollkommen erwischt hat: Appetitlosigkeit trotz koerperlicher Erschoepfung.
Der dritte Tag beginnt auf der Hoehe von 4250 Metern. Wir wandern mit dem Ziel, den Pass "Punta Unión" auf 4750 Hoehenmetern zu erreichen und durch ihn auf die andere Seite zurueck ins Tal und so zu Camp Nummer 3 zu kommen. Das Ersteigen des Passes im Zickzack ist ein langer Kampf zwischen Koerper und Geist, denn der Geist will weiter, will diesen Berg bezwingen, der Koerper rebelliert bei wenig Sauerstoff und einer Steigung von 70- 80 Grad: Mein Kopf hämmert, meine Beine sind schwer, die Füße wissen nicht mehr, was geradeaus ist.
Doch ich konzentriere mich nur auf sie, ein Schritt vor den anderen, alle 10 Meter eine Pause, ohne Aussicht, nur den Boden kenne ich auswendig, ich zaehle Steine, bis zum Pass,bis zu diesem kleinen, engen Gang, der auf der anderen Seite des Massivs wieder auf einen steilen Weg bergab führt. Ich laufe, renne, springe den Weg hinunter, ins Tal, muss aufpassen, dass ich nicht vorneüber falle, die Aussicht auf entspanntes Atmen, auf ein Durchatmen, auf weniger Druck im Kopf gibt mir Kraft zurück.
Im Tal wieder Regen, der macht aber nichts, wir kochen unter dem Zeltvordach einen Koka-Tee nach dem anderen und heisse Suppe. Endlich wieder Hunger! Am nächsten Nachmittag erreichen wir nach einem "schönen Spaziergang" durch die grünen Täler, bei dem uns Ziegen, Esel und Lamas begegnen, und einem letzten Aufstieg das kleine Dorf Vaquería, warten dort auf den Bus, der uns wieder zurueck nach Caraz bringen soll. Eine Cola, ein Schokoriegel- es ist eine besondere Rückkehr.
24. Dezember 2004, Lima
Wir verbringen Weihnachten in Lima. Im Pfarrhaus einer kleinen katholischen Gemeinde, in dem die "Voluntarios" wohnen, bekommen wir ein Zimmer, mein Freund Jorge hat alles organisiert. Er ist spanischer Laie, moechte in dem kleinen Vorort von Lima "Santa Anita" eine Apotheke aufbauen, in der die Armen des Viertels ihre Medikamente kostenlos bekommen koennen. An einem grossen Tisch essen wir zusammen mit den peruanischen Geschwistern und der Kanadierin Ane einen riesigen Truthahn mit Salat und Weissbrot und trinken endlich trockenen! Rotwein und viel Pisco Sour.
Um 12Uhr werden, wie in Europa zu Silvester, die letzten 10 Sekunden bis zum 25. 12. gezaehlt. Es ist merkwuerdig sich vorzustellen, dass Zeit so relativ und irrelevant sein kann: In Deutschland liegen schon alle mit der Gans im Magen im Bett!
31. Dezember 2004, Huacachina, Ica
Die letzte Nacht des Jahres 2004 verbringen wir in Huacachina, einem kleinen Dorf in der Naehe von Ica, auch bekannt als das Afrika Perus. Huacachina ist eine kleine Oase, ein paar Haeuser um einen See herum, der in der Mitte riesiger Sandduenen liegt. Die meisten Haeuser hier sind Hotels und kleine Hostales, die alle eine Attraktion anbieten: Dune-buggy und Sandboarding! Wir steigen also nachmittags mit ein paar Australiern in einen Jeep und rasen mit diesem die Duenen hoch, immer weiter Richtung Kueste, durch eine Wueste, 25km weit, nur Sand, Sand, Sand. Die Sonne wirft surreale Schatten auf die Haenge, an den graden Kanten entlang.
Der "Guide" laesst uns an einer hohen Düne raus, die wir auf Sand-boards (also Snowboaerds fuer den Sand) herunterfahren sollen. Und ploetzlich werden Papas zu aengstlichen Kindern, die "nur im Sitzen" fahren wollen und kleine, schuechterne Jungs zu den mutigsten Helden, die sich ohne mit der Wimper zu zucken die Bretter an die Schuhe schnallen und sich die Sandberge herunterstuerzen. Aber es sind vor allem die Duenenwanderungen am Nachmittag, kurz vor Sonnenuntergang, die den "Duenensteiger" anders fuehlen lassen: Die unendliche Sandwüste vor Augen, die Exaktheit der Natur, das Wunder dieser Landschaft inmitten eines feuchten und fruchtbaren Landes- ich lasse die Beine baumeln, schaue in die Ferne, sehe den roten Feuerball langsam verschwinden und fühle mich unendlich frei.
copyright: Sabina Schmidt
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