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Unterwegs im Amazonas
Die Haut des Reisenden duftet anders
Sabina und Georg berichten per Email von ihrer Reise durch den Amazonas Teil 1
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| © Georg Lennarz |
Sabina und Georg aus Bonn sind ein halbes Jahr in Südamerika unterwegs - mit Neugier und Begeisterung in den Rucksäcken. Sie wollen die Menschen treffen, mit offenen Augen und Ohren das Andere erleben.
von Sabina Schmidt
02. 10. 04
Puerto Ayacucho, Venezuela, am Orinoco
Wir sind in eine gigantische Sackgasse gefahren und versuchen jetzt, auf den Spuren Alexander von Humboldts, einen Weg wieder herauszufinden. Und zwar befinden wir uns in Puerto Ayacucho, einer etwas provinziellen und mörderisch heißen Stadt im Sueden Venezuelas am Orinoco.
Eigentlich endet hier die Möglichkeit Richtung Süden weiterzureisen, Straßen gibt es nicht mehr, das Boot ist das einzige Transportmittel, das hier folgende Gebiet ist nur mit Erlaubnisschein zugänglich, da Indianerreservat (Yanomamis).
Den Schein haben wir uns beschafft, morgen geht es mit dem Boot 150 km weiter hinein, da gibt es noch ein Städtchen, und da werden wir sehen.
Was wir wollen, ist den Orinoco hinauf bis zum Rio Casiquiare, diesen zum Rio Negro, den Rio Negro runter über die Grenze nach Brasilien bis Manaus am Amazonas, dort den Amazonas bis Iquitos in Peru rauf. Alles auf dem Wasser. Wenn wir nicht seekrank werden. Wir werden sehen.
Bis jetzt haben wir uns die Sonne auf den Schädel brennen lassen an der Küste und in den Llanos, einer Nordfriesland nicht unähnlichen Steppe im Westen des Landes. Die Fauna unterscheidet sich allerdings erheblich. Wir, leider zugegebenermassen mit Hilfe eines Sachkundigen, näherten uns hautnah Kaimanen, Anacondas, Boas, Riesenratten und Ameisenbären und, ganz ohne Hilfe, Mücken.
Die Hitze macht uns zu schaffen, ansonsten reise- und abenteuerlustig unterwegs, jedoch immer vorsichtig, innerlich und äußerlich gesund, rotgepunktet von den Mücken,
12.10.04
San Fernando de Atabapo,Venezuela
Die kleine ganz schrumpelige Senora Angélica vermietet uns ein Zimmer in ihrem Haus am Fluss Atabapo. ¨Das Bad ist draußen¨, sagt sie. Das "Bad" ist ein Palmengarten, riesige Blätter und bunte Blüten behüten meinen nackten Körper bei der morgendlichen kalten Dusche. Gibt es ein schöneres Erweckt-werden?
Am Hafen dieses kleinen Dorfes liegen nur wenige Boote. Wird uns ein Kapitän mit nach San Carlos de Rio Negro nehmen? Gegenüber, auf der anderen Seite des Flusses, liegt Kolumbien. In diesem Dorf werden viele unheimliche Geschichten über die illegalen Goldminen und die Drogenschmuggler erzählt. Gold muss nicht gulden sein...
13.10.04
Wir besuchen eine Kautschukfarm. Hier wird, einzig in Venezuela, Naturkautschuk hergestellt. Die Arbeiter mit den verklebten und vom Ammoniak zerschundenen Händen nehmen uns mit auf die Hektar großen Felder. Sie zeigen uns,wie diese ganz dünnen, etwas hilflos wirkenden Bäume "bluten", so nennen sie es, wenn der weiße, flüssige Kautschuk fließt. Jetzt wissen wir auch, woher das viele Gummi für die Kondome kommt!
Eine Bootsfahrt am Abend auf dem schwarzen Fluss: Wir fahren auf einem Spiegel, die kahlen Äste der aus dem Wasser ragenden Bäume spiegeln sich so echt in dem schwarzen Wasser, dass wir mit dem kleinen Holzbongo abheben und fliegen! Everybody must get stoned!
16.10.04
El Dorado
Nicht einmal der Cola- Kapitän, der die illegalen Goldsucher mit Cola und Bier versorgt, wollte uns mitnehmen. Wir hatten nur noch wenig Geld, keine Bank, also: Rückzug auf den Landweg, wir fahren zurück nach Puerto Ayacucho, von dort weiter über Ciudad Bolívar nach El Dorado. Dieses kleine Goldgräber-Dorf, Sagen umwoben, kennen wir schon von unserer letzten Venezuelareise.
Doch sollte man nicht auf alten Wegen wandeln...wer sagte diesen klugen Satz? Die kleine schöne Bambusposada an der Einfahrt nach El Dorado gibt es nicht mehr, sie ist zusammengefallen, vermüllt. Wir fragen nach Josenia,der Besitzerin. Sie ist nicht da, auf Reisen. Draußen, 12 Kilometer weiter, sei eine schöne Posada, sagt man uns.
17.10.04
Bruno , ein Schweizer, und seine Frau Vanessa haben uns hier draußen aufgenommen,wir schlafen in Hängematten unter riesigen Bäumen, schaukeln uns durch die so dunkle, mond- und sternenlose Nacht, verfangen uns in den Mosquitonetzen, die keinen Windstoß durchlassen, schwitzen und frieren später. Zwei Kapuziner-Äffchen beklettern mich, reißen mir die Haare raus, durchwühlen meine Taschen und beißen kräftig zu.
Immer noch wilde Tiere, und so dem Menschen ähnlich! Kleine Jungs galoppieren durch das Camp, ohne Sattel, kaum Zaumzeug. Wild, alles wild hier, aber harmonisch, inneinander und miteinander lebend.
20.10.04
Wir sind umgezogen. Josenia ist zurück, lädt uns zu sich ein, wir wohnen im Gästezimmer in einem schönen Haus mit Tonboden, Körben mit Pflanzen, großen Fenstern und einem weißen Ledersofa! Wow!
Es ist schön und ein bißchen komisch, eine "Freundin" hier wiederzusehen!
Josenia freut sich sehr, dass wir hier sind, es ist ein bißchen wie nach langer Zeit nach Hause zu kommen, nur ein bißchen...weil da jemand ist, der deine Geschichte schon ein bißchen kennt, der weiß, wo du herkommst und wo du hinwillst. Das Zuhause ist kein Ort, sondern es sind die Menschen, die uns das Zuhause geben...
25.10.04
Boa Vista, Brasilien
Brasilien, Brasilien!! Doch hier in Boa Vista ist nicht viel brasilianisch: Eine Stadt vom Reißbrett, angelegt wie ein amerikanischer Vorort. Wir gehen aus, es ist Wochenende, die Stimmung in einer "Disco-bar" direkt am Fluss reißt uns mit, wir trinken Caipirinha für 2 Rias (noch nicht einmal 1 Euro), tanzen zwischen brasilianischen Hüften, Rundungen und werden von allen angestiert. Ich dachte, IHR seid die bunten. Und nun sind wir es, weil wir fast nichts verstehen auf brasilianisch, weil wir nicht wissen, wie die frittierten Kugeln in den Vitrinen der Straßenbuden schmecken, weil wir lange frühstücken, weil wir staunen.
29.10.04
Manaus, Brasilien
Seit ein paar Tagen hat uns diese Stadt erobert! Manaus, das Paris des Amazonas wird es genannt. Ich war noch nie in der französischen Hauptstadt, aber Manaus dreht sich und wir uns mit. Der Hafen ist riesig, ein Amazonasdampfer neben dem anderen, wie in den Filmen haben sie drei Decks, sind bunt angemalt, ganz aus Holz. 100-150 Menschen liegen in ihren Hängematten, sie wollen nach Belem (Osten) oder nach Leticia (Westen).
Die vielen kleinen Läden drum herum verkaufen alles, was das Seemannsherz begehrt, von der Harpunenspitze zum fischen bis zum 5kg Paket Kaubonbons.
In der Markthalle werden 30kg Fische ausgenommen, Hühnerdarm angeboten, blutige Leber und Hirn verkauft. Es stinkt nach totem Tier, nach gerupftem Huhn, der Geruch wird so schnell normal, abends riechen wir selbst ein wenig danach, die Haut des Reisenden duftet immer anders.
Ein Besuch in der Oper (Im Kleid und weißem Hemd!), Theater-Festival: Das Stück ist nicht so spannend, ein Monolog in einer Sprache, die man fast nicht versteht, läßt die Blicke schweifen, von ganz oben von der Empore aus sehen wir den Brasilianern zu, wie sie lachen, klatschen, standing-ovations. Davon träumt der deutsche Schauspieler!
Gestern haben wir unsere Tickets gekauft, damit wir gleich das "alma amazonica" besteigen können, um unseren Weg nach Peru fortzusetzen. Wie viele Tage wird es dauern bis zum nächsten großen Hafen, Leticia, Kolumbien? Von dort aus ist Peru nicht mehr weit.
Aber Brasilien schon hinter uns lassen? Ich glaube, wir kommen wieder...
Freu mich drauf!
Hasta la proxima vez...Sabina
copyright: Sabina Schmidt
Fortsetzung
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