Regenwald-Forschung
Würgefeigen schnüren Bäume ab
Im westlichen Amazonas-Dschungel in Peru, Bolivien und Ecuador haben die Lianen sich in den letzten 20 Jahren fast verdoppelt. Diese wuchernden Pflanzen aber sind nicht ganz harmlos. Sie nehmen der Vegetation im unteren Teil des Regenwaldes das Sonnenlicht, lassen die Äste der Baumriesen abbrechen oder bringen ganze Bäume zum Absterben.
Forscher der britischen Universität Leeds fürchten nun um den positiven Effekt des Regenwaldes auf das Klima. Die starke Ausbreitung der Lianen könnte zur Folge haben, dass der Amazonaswald immer weniger vom Treibhausgas Kohlendioxid umwandeln kann. "Die Biomasse nimmt in Wäldern mit wuchernden Lianen deutlich ab", sagt Oliver Phillips von der Uni Leeds. Der Forscher sieht einen negativen Kreislauf entstehen. Denn die Lianen breiten sich schneller dort aus, wo mehr Kohlendioxid in der Atmosphäre vorhanden ist.
Lianen können eine Länge von mehr als 70 Metern erreichen. Wie andere Pflanzen auch siedeln Lianen hoch in den Baumkronen, um an den Sonnenschein zu kommen. Denn das dichte Laubdach der Dschungelriesen läßt nur ganz wenig Licht in den untersten Stockwerk des Regenwaldes fallen, gerade mal ein Prozent. Deshalb wachsen hoch oben auf den Bäumen eine ganze Reihe unterschiedlichster Pflanzen, ohne mit der Erde verwurzelt zu sein.
Baumriesen im Würgegriff
Doch manchmal wird dies den Bäumen zu viel. Besonders raffiniert und brutal gegenüber ihrem Wirtsbaum geht die Würgfeige vor. Diese Lianenart beginnt ihr Wachstum oben auf einem Baumast. Doch bald läßt sie Luftwurzeln nach unten in Richtung Dschungelboden wachsen. Sobald diese Wurzeln bis zur Erde reichen, können sie die Pflanze mit Wasser und Nährstoffen versorgen. Mit dieser neuen Nährstoffquelle wird die Würgfeige größer, ihre Wurzeln werden dicker und stärker, bilden Seitentriebe und wachsen schließlich um den Wirtsbaum herum. Der Baum wird immer mehr abgeschnürt, bis er unter dem Geflecht der Luftwurzeln abstirbt.
Die Würgfeige hat nun die Form des Baumes angenommen, allerdings mit einem hohlen Stamm. Die Liane kann sich in der Höhe so weit ausdehnen wie mehrere Baumkronen zusammen genommen.
Mehr Spaß für Tarzan
Nach Meinung einiger Forscher breiten sich Lianen gerade dort stärker aus, wo der Mensch den Regenwald zerstört. Denn Straßen, Holzeinschlag oder landwirtschaftliche Nutzung dünnen den eigentlich geschlossenen Wald aus und lassen damit mehr Licht in den Regenwald. Für Lianen gute Voraussetzungen, um sich zu vermehren und auszubreiten. Tarzan hätte seine Freude.
Doch hiermit wird wieder einmal deutlich, welche unvorhergesehenen Wirkungen menschliche Eingriffe in ein Ökosystem nach sich ziehen können. Eine Änderung erzeugt die nächste.
Quelle:
- Phillips, O. L. et al. Increasing dominance of large lianas in Amazonian forests. Nature, 418, 770-774 (2002)
- "Warum würgt die Würgefeige?" in GEO-Wissen Nr. 25 Regenwald
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