Arznei im Regenwald

Pharma-Industrie sucht Kräuter

Brasilien will nicht länger leer ausgehen

Liane mit Wasser
© Bernd Kulow

Der Regenwald ist die Apotheke der Indios. Die Medizinmänner der Indianer, die Schamanen, kennen die Heilkräfte der einzelnen Pflanzen. Die gibt es in einer schier unvorstellbaren Vielfalt: An keinem Ort der Welt gedeihen soviele unterschiedliche Arten wie im Amazonasgebiet. Ihre Zahl wird auf 170.000 geschätzt.

Durch das Blätterdach der hohen Bäume dringt nur etwa 1 % des Sonnenlichtes bis zum Boden. So wachsen viele Pflanzen auf den Stämmen und Ästen der Bäume, um so dem Licht nahe zu kommen.

Wissenschaftler haben auf einem einzigen Baum 72 Pflanzenarten gezählt. In Deutschland wachsen soviele unterschiedliche Arten allenfalls auf einem ganzen Hektar.

Die Pflanzen haben weltweit das Interesse der Pharma-Industrie geweckt. Möglicherweise verbergen sich im Regenwald Mittel gegen heutige Krankheiten wie Aids, Krebs oder Herzkrankheiten. Bisher haben Forscher erst sehr wenige Pflanzen auf medizinisch nützliche Wirkstoffe hin untersucht.

Versprechungen nicht gehalten

Ethnobotaniker wollen im Amazonas die Heilkräfte der Regenwald-Pflanzen nun systematisch studieren, um sie der modernen Medizin zugänglich zu machen. Die Forscher hoffen, nützliche Wirkstoffe zu finden.

Die Schamanen haben dieses Wissen. Sie kennen Mittel zum Beispiel gegen Fieber, Schlangengifte oder den Biss der Tarantel. Die Indianer nutzen die Heilkräfte der Natur. Doch sie sind skeptisch geworden gegenüber den Weißen. Die haben ihre Gutgläubigkeit zu oft ausgenutzt, ihnen Versprechungen gegeben, die sie nicht gehalten haben.

Der Niederländer Marc van Roosmalen ist einer der wenigen Weißen, die das Vertrauen der Schamanen haben. Besonders hat er sich mit Tacuma, einem der letzten weisen Medizinmänner des Amazonasgebietes, angefreundet.


© van Roosmalen

Tacuma gehört zu den Kamayurá, einem der wenigen Stämme, die ihr Wissen um die Heilkräfte der Natur bis heute bewahrt haben. Gemeinsam wollen sie nun die Heilpflanzen erfassen. Tacuma, der im ganzen Xingú-Gebiet geachtet wird, möchte sein Wissen um die Pflanzen weiter geben, allerdings, an erster Stelle seinem Sohn.

Doch nicht nur die Indianer sind misstrauisch geworden gegenüber den weißen Forschern. Auch die brasilianische Regierung sieht die ausländischen Ethnobotaniker mit Skepsis. Die Behörden fürchten, das Wissen um die Pflanzen könnte im Ausland bleiben. Dort würden dann erfolgreich Medikamente produziert und Pharmakonzerne hätten den Profit. Brasilien ginge dagegen leer aus. Das Land will aber nicht erneut als armer Rohstofflieferant dienen.

Die genetischen und biologischen Ressourcen des Landes sind mittlerweile durch Gesetz geschützt. Zwar ist Forschung erlaubt, aber die Erkenntnisse dürfen nicht ohne Bewilligung durch die Behörden bzw. Vertreter der Indianer genutzt werden. Deshalb schließen die Ethnobotaniker heute mit den Indianern Verträge. Sollte durch das Wissen der Indianer ein Wirkstoff gefunden werden, gehen die Indianer nicht leer aus. Sie würden an dem wirtschaftlichen Erfolg Anteil haben. Roosmalen arbeitet allerdings nicht für einen Pharmamulti. Sein Projekt wird von einer niederländischen Nicht-Regierungsorganisation finanziert.

Geschäfte mit Heilkräutern

Gibt es bereits Urwaldkräuter, aus denen moderne Medikamente gewonnen werden konnten? Jaborandí ist eine solche Pflanze aus Brasilien, aus der Augentropfen gegen Glaukom hergestellt werden. Der Wirkstoff heißt Pilocarpin. Er wird aus den Blättern des Jaborandí gewonnen.

Die Regierung hat den Export der Jaborandí-Blätter verboten. So wird das Medikament jetzt in Brasilien selbst hergestellt und der Gewinn kommt dem Land zu gute.

Früher war das anders: In den fünfziger Jahren entwickelte die US-amerikanische Firma Eli Lilly die Präparate Vinblastin und Vincristin aus einem tropischen Immergrün. Diese Mittel wurden zum Standard gegen Hodenkrebs bzw. Kinderleukämie. Die Firma machte hunderte Millionen Dollar Gewinn.

Pro Jahr werden insgesamt auf der Welt Medikamente für 320 Milliarden Dollar verkauft. Über 30 % dieser Arzneien sind aus pflanzlichen Wirkstoffen hergestellt. Bislang sind nicht mehr als 1 % aller Pflanzenspezies auf ihren Gehalt an medizinisch nutzbaren Wirkstoffen untersucht.

Auf dem Markt in Manaus kümmern sich die "Kräuterweiber" nicht um die wissenschaftlichen Erforschungen der Heilpflanzen. Ihre Verkaufsstände sind ein kleiner Basar unterschiedlichster Heilmittel, hervorgegangen aus einer Mischung des indianischen Wissens mit afrikanischen wie europäischen Überlieferungen.

Da gibt es im Angebot die Wurzel Marapuana, die als Aphrodisiakum wirken soll, ein Stück Baumrinde, Escada de Jabutí, das gegen Hämorhoiden hilft. Indianer und Bauern kommen früh morgens, bevor das Treiben auf dem Markt beginnt, in ihren kleinen Booten über den Fluss, beladen mit Pflanzen, Wurzeln und Rinden. Das Holz des Saratodo heilt Wunden, Crujirú stillt Infektionen. Uxi-Amarelo hilft bei Beschwerden in den Wechseljahren.

Der Regenwald wird von den Wissenschaftlern mittlerweile auch als eine große Apotheke gesehen, deren Fächer und Laden, Schächtelchen und Fläschchen noch nicht geöffnet sind. Eine Apotheke, in der sich übrigens die Tiere bedienen, um sich zu schützen.

Quelle: 

- ARD-Sendung "Inventur im Regenwald" (April 2002)
- "Der Urwald heilt", Walter Tauber in MERIAN "Brasilien" (2002)
- "Die Magie des VER-O-PESO", Klaus Geissler in GEO-Spezial "Amazonien" (1994)

© Uwa
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