Gabriel García Márquez:
Leben, um davon zu erzählen
Der Nobel Preisträger Gabriel García Márquez hat seine Memoiren geschrieben. Das Buch schildert die blutige Geschichte Kolumbiens, die ihn schon als jungen Journalisten bewegte, erzählt von großer Armut und berichtet von Abenteuern.
Ein 75jähriger weltberühmter Autor schreibt seine Memoiren. Man erwartet ein Buch über ein Schriftstellerleben zwischen Schreibtisch, Verlagshaus und Künstlertreff, Begegnungen mit berühmten Menschen, vielleicht Sequenzen über die Mühsal des Schreibens. Das ganze eingehüllt in einen verklärten Blick über die weit zurückliegende Zeit seiner Kindheit und Jugend.
Gabriel García Márquez langweilt uns nicht mit nostalgischen Lebenserinnerungen eines gealterten Autors der Weltliteratur. Der 75jährige schlüpft in die Rolle des 23jährigen Galito, wie er als junger Mann genannt wurde, und erzählt aus der Sicht des jungen Mannes, erinnert sich an seine Kindheit aus dem Augenwinkel des jungen Schriftstellers. Das Buch ist mit dem Enthusiasmus dieses jungen, entschiedenen Schriftstellers geschrieben, der von seinem Schreiben noch längst nicht leben kann.
Er führt uns in eine Welt der Ungereimtheiten und Geschichten über ungesetzliche Zustände, von Massenmord an Bananenarbeitern, einer zerfallenen Bananenregion im Norden Kolumbiens. Das Buch beginnt mit der Reise des jungen Schriftstellers mit seiner Mutter in den Ort seiner Kindheit. Sie wird zur bedeutenden Reise seines Lebens, denn er gewinnt die Einstellung zu seinem ersten Roman.
Er langweilt seine Leser weder mit langen Beschreibungen, noch mit überflüssigen Reflexionen. Die Erinnerungen werden durch die wörtliche Rede lebendig gehalten. Man wird von der ersten Seite an in den Bann seiner Erzählkunst gezogen und folgt dem jungen Mann in einer herunter gekommenen Eisenbahn ins Innere Kolumbiens. Dieser erste Teil des Buches, die Reisebeschreibung in seinen Heimatort, der als mythischer Ort Macondo im bekanntesten Roman von Márquez „Hundert Jahre Einsamkeit“ auftaucht, liest sich fast wie eine Novelle. Die weitere chronologische Lebensbeschreibung fällt dagegen streckenweise etwas ab. Seine Jahre im Internat, die Schilderungen des ökonomischen Überlebenskampfes seiner Familie, seine Jahre als Journalist unter den Bedingungen einer Diktatur bleiben aber eine fesselnde Lektüre.
Als Journalist in Bogotá
García Márquez beschreibt seine Zeit als Journalist in Bogotá bei der Abendzeitung El Espectador, wo er bald als fest angestellter Redakteur Reportagen, Kommentare, Glossen und Filmkritiken schreibt und wo er in knapp zwei Jahren das meiste Papier seines Lebens verbrauchte, wie er feststellt.
Beschönigt er die Zeit in der Redaktion, wenn nur von kollegialer Hilfsbereitschaft und kollektiv geschriebenen Berichten die Rede ist? Die Inhalte der Artikel werden jedenfalls nicht beschönigt. Die Militärregierung schießt auf demonstrierende Studenten.
„Es war eine Zeit in der Journalismus noch nicht an den Universitäten gelehrt wurde, man lernte den Beruf vielmehr mit dem Geruch der Druckerschwärze in der Nase von der Pike auf, und El Espectador besaß die besten Lehrmeister, die über ein gutes Herz, aber eine harte Hand verfügten“. Der Grundsatz war klar: Der unveränderliche Rohstoff hatte die Wahrheit und nichts als die Wahrheit zu sein.
Als Reporter lernt er die abgelegenen Gegenden Kolumbiens kennen, nur mit dem Flugzeug zu erreichen. Doch fliegen wird zum beklemmenden, angstvollen Erlebnis: „Wir erlebten, was wohl nur wenige Sterbliche erlebt haben: Es regnete im Flugzeug durch die Lecks im Rumpf. Ich zog mir eine Zeitung über das ganze Gesicht, nicht so sehr, um mich vor dem Wasser zu schützen, sondern damit man nicht sah, wie ich vor Angst weinte“. García Márquez schildert in dem Buch die gesellschaftlichen und politischen Zustände in Kolumbien in den späten 40er und 50er Jahren. Besonders eindrucksvoll wird der Mord an dem linken kolumbianischen Politiker Gaitán 1948 geschildert. Marquez war Augenzeuge des unmittelbar folgenden Geschehens in Bogotá.
García Márquez kommt aus einer armen Familie. Die Einkünfte der Familie sind knapp und die Familie ist groß. Seine Mutter pflegte zu sagen, dass die Kinder der Armen mehr essen und schneller wachsen als die der Reichen. „Leider reichten weder Findigkeit noch Widerstandskraft oder Liebe aus, um die Armut zu besiegen“, erinnert sich der Autor. Mit samt seinen Eltern und den vielen Geschwistern führt García Márquez als junger Schriftsteller und Journalist den Kampf ums Überleben.
Seine Leidenschaft für die Literatur durchzieht die Memoiren und zeigt die Entschiedenheit, mit der Márquez Schriftsteller werden wollte. Die Erinnerungen sind voller Hinweise auf seine Bücher. So bildete die Liebesgeschichte seiner eigenen Eltern den Stoff für den Roman „Die Liebe in den Zeiten der Cholera“.
Für den García Márquez-Fan eröffnen sich mit dem Buch „Leben, um davon zu erzählen“ neue Zusammenhänge und autobiographische Hintergründe, um die Romane nach der Lektüre besser verstehen zu können. Der Leser, für den García Márquez noch ein unbekannter Autor ist, findet in den Erinnerungen die Hintergründe und den Stoff, aus dem die García Márquez Romane entstanden.
Dieser erste Band der Memoiren endet 1956 mit dem Erscheinen des ersten García Márquez Romans „Laubsturm“ vorerst, denn die Fortsetzung ist angekündigt.
Gabriel Garcia Marquez, 1927 in Aracataca, Kolumbien, geboren, hat ein umfangreiches erzählerisches und journalistisches Werk vorgelegt. 1982 erhielt Garcia Marquez den Nobelpreis für Literatur.
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