Indianersprachen
Sprache der Awetí bedroht
Das Awetí, eine Indianersprache im brasilianischen Amazonasgebiet, könnte demnächst endgültig verloren gehen. Es ist erstaunlich, dass Awetí heute überhaupt noch existiert. Vor fünfzig Jahren waren nur noch 25 Sprecher am Leben. Bereits damals drohte die Sprache ganz zu verschwinden.
Die Awetí haben erkannt, dass ihre Sprache und Kultur in Gefahr sind und gemeinsam mit dem Instituto Socio-Ambiental gelang es ihnen, einen Unterricht zu organisieren, in dem die Kinder nun in ihrer eigenen Sprache unterrichtet werden. Der Berliner Linguist Sebastian Drude wirkte als Berater und linguistischer Supervisor: "Die Awetí brauchten eine Schule in ihrem Dorf. In der Stadt hätte der Unterricht auf Portugiesisch stattgefunden", sagt Drude, der bei der Herausgabe einer Schulfibel mitarbeitete. In der Dorfschule werden nun alle Kinder in der Muttersprache Awetí unterrichtet. Doch die Awetí sind weiter ernsthaft in ihrer Kultur und Sprache bedroht.
Die Awetí leben im Gebiet der Quellflüsse des Xingú, eines der großen Zuflüsse des Amazonas. Ihre Sprache gehört zu den Tupi-Sprachen, eine der größten Sprachfamilien in Südamerika, zu der etwa 60 Sprachen zählen.
Drude hat begonnen, die Sprache der Awetí zu dokumentieren. Dafür hat er sich mehrmals über längere Zeit bei den Indianern aufgehalten.
Seine Forschungsaufenthalte werden seit 2000 von DOBES (Dokumentation bedrohter Sprachen), einem Programm der Volkswagen-Stiftung, das dafür sorgen will, dass Sprachen nicht spurlos verschwinden, finanziert.
Tausende von Sprachen vor dem Aus
Wie wird die Sprache der Awetí dokumentiert? Drude zeichnet Monologe von den Indianern mit Tonband und Videokamera auf. "Ich lasse sie über ganz verschiedene Dinge aus ihrem Alltag sprechen". Die Aufnahmen transkribiert der Linguist und zerlegt das schriftlich Fixierte dann in die kleinsten bedeutungstragenden Einheiten einer Sprache, die Morpheme. Um eine Minute der Aufnahmen zu transkribieren benötigt der Wissenschaftler etwa 2 Stunden.
Die Ergebnisse werden in einer zentralen Datenbank am Max-Planck-Institut für Psycholinguistik im niederländischen Nijmegen archiviert. Dort heißt es: Neunzig Prozent der weltweit etwa 6.000 Sprachen werden in unserem Jahrhundert verloren gehen. Für die Wissenschaftler also viel zu tun, wenn die Sprachen zumindest auf Bändern und Videos erhalten bleiben sollen.
Drude hofft, durch seine Arbeit, insbesondere durch die Sprachdokumentation, etwas zum Erhalt der Sprache beizutragen. "Aber das sind langfristige Prozesse mit unsicherem Ausgang, nichts, was man nach ein paar Jahren als entschieden bezeichnen könnte", sagt der Linguist. In 50 Jahren werde man vielleicht abschätzen können, ob er "einen bescheidenen Beitrag" geleistet habe. Bei den Awetís jedenfalls muss er in hohem Ansehen stehen, denn der Vater des Häuptlings hat ihn sogar "adoptiert".
AMAZONAS.de
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