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Amazonas-Forscher
3.500 Tierpräparate aus dem Dschungel
Botaniker und Brasilienforscher Martius
Mit der Aufklärung und der Entwicklung der wissenschaftlichen Weltsicht änderte sich die Wahrnehmung Amazoniens: Seit Beginn des 19. Jahrhunderts waren es in erster Linie Wissenschaftler, die den Amazonas und seine Nebenflüsse befuhren, mit der Absicht dieses unbekannte, rätselhafte grüne Universum zu erforschen. Alexander von Humboldt hatte mit seiner langjährigen Forschungsreise in den Amazonas das Tor geöffnet.
Ihm folgten viele Forscher, darunter eine große Zahl deutscher Wissenschaftler. Sie waren nicht mehr von Gier nach Gold und Phantasien von Sagen umwogenden Amazonen getrieben. Mit Sammelleidenschaft und nicht frei von Abenteuerlust trugen sie umfassende Sammlungen der Flora und Fauna zusammen, beobachteten die Gebräuche der Indianer, ordneten Fakten und Zusammenhänge und begannen so, Licht in das - aus europäischer Sicht - völlige Dunkel des Amazonas-Dschungels zu bringen.
Einer der größten deutschen Forscher nach Humboldt war Carl Friedrich Philipp von Martius (1794-1868). Der bayerische Botaniker wird bis heute in Brasilien verehrt und ist dort bekannter als in Deutschland. Von 1817 bis 1820 reiste Martius gemeinsam mit dem Zoologen Johann Baptist von Spix (1781-1826) von Rio über Sao Paulo bis Belém an die Mündung des Amazonas. Von dort aus unternahmen die beiden Forscher mit acht indianischen Ruderern ihre Fahrt den Amazonas hinauf.
In Ega, dem heutigen Tefé trennten sich die beiden und Martius befuhr den Japurá. Beide Forscher legten unter schwierigsten Bedingungen insgesamt über 10.000 Kilometer zurück. Auf ihrer Reise trugen sie botanische und zoologische Sammlungen zusammen. Bei ihrer Einschiffung zurück nach Europa hatten sie 3541 Tierpräparate und 6.500 Pflanzenarten in ihrem Gepäck. Darüber hinaus Gesteinsproben und Mineralien.
Martius fühlte sich besonders zu der Pflanzengruppe der Palmen hingezogen. Nach seiner Ankunft in München beginnt er mit der Arbeit an einem botanischen Werk über die Palmen. Im Jahre 1850 sollte das Werk „Historia naturalis palmarum“ seinen Abschluss finden. Es umfasst drei Bände von insgesamt 550 Seiten mit 135 detailgenauen Abbildungstafeln über Wachstum, Blüten und Früchte der Palmenarten Amazoniens. Martius behandelt in diesem Werk alle Aspekte, so auch ökonomische, medizinische und kulturgeschichtliche. Überlegungen zur Verbreitung der Palmen und der Pflanzengeographie generell runden das Werk ab.
„Diese Naturhistorie der Palmen bietet ein derart umfassendes Bild dieser großartigen Pflanzengruppe, dass sie auch heute noch von originärer Frische und großer wissenschaftlichen Bedeutung ist“, heißt es in „Brasilianische Reise 1817-1820: Carl Friedrich von Martius zum 200. Geburtstag“ aus dem Jahre 1994. Dort erfährt man auch, dass die wenigen, noch existierenden Exemplare dieses botanischen Prachtwerkes heute teuer gehandelt werden – in einem englischen Auktionskatalog für 27.000 englische Pfund. „So lange man Palmen nennt und Palmen kennt, wird auch der Name Martius mit Ruhm genannt werden“, soll Humboldt über die Palmen-Monographie gesagt haben.
Martius wagte darüber hinaus den Versuch einer Gesamtübersicht der Flora Brasiliens. Schon 1833 erschienen zwei erste Bände. Am Ende beinhaltete das Werk "Flora Brasiliensis" über 22.767 Arten, darunter 5869 neue, bis dahin unerforschte Arten! Martius war nicht nur als Botaniker an dem Werk beteiligt, sondern managte 65 Mitarbeiter und sorgte für die Finanzierung des Mammutwerks, er gewann über die Mithilfe von Fürst Clemens von Metternich den Kaiser von Österreich und den König von Bayern als Sponsoren für das Werk.
Neben den botanischen Werken steht die bedeutende ethnographische Kollektion, die im Staatlichen Museum für Völkerkunde München aufbewahrt wird. Diese Sammlung, von Martius und Spix zusammen getragen, ist mit ihren über 600 Gegenständen eine der ältesten und berühmtesten Amazonas-Sammlungen der Welt. Viele der Indianerstämme, die Spix und Martius besuchten, sind inzwischen untergegangen oder haben ihre Selbständigkeit verloren. Die Sammlung gewährt Einblicke in das indianische Leben vor fast 200 Jahren.
Zu Martius Zeit glaubte man noch fest an den biblischen Ursprung der Menschheit und vermutete in den Indianern einen der zwölf Stämme Israels. „Die Nachkommen von Erzvater Jakob mussten immer dann herhalten, wenn neu entdeckte Völker im biblischen Geschichtskonzept unterzubringen waren“, schreibt Frank Semper in seinem Reisebericht „Tor zum Amazonas“.
Nach Semper, der sich intensiv mit dem Leben Martius beschäftigt hat, hegte dieser bereits Zweifel an der damaligen Ansicht über den biblischen Ursprung der Menschheit. „Martius ahnte, dass die europäische Weltsicht in Amerika scheitern würde, aber seine Zweifel gegenüber der Geschichtsdeutung der Kirche waren noch zu zaghaft, um vom Postulat des göttlichen Ursprungs der Welt abzurücken, das einige Jahrzehnte später von den englischen Naturalisten Russel Wallace und Darwin gründlich zerlegt werden sollte, als die beiden nach ihren Beobachtungen in Südamerika die Frage nach der Herkunft der Menschheit auf eine neue, biologische Grundlage stellten“.
Quellen:
- Brasilianische Reise 1817-1820: Carl Friedrich Philipp von Martius zum 200. Geburtstag herausgegeben von Jörg Helbig , Hirmer Verlag München 1994
- Semper, Frank: Tor zum Amazonas, Sebra Verlag1999
- Reuter, Peter W.: Die Exploratoren des grünen Universums, in: GEO Special Amazonien, Hamburg 1994
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