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Korrespondentenbericht

Manaus: Wenig Indianerromantik

Wolfgang Brög, Dokumentarfilmer und Autor berichtet aus Manaus für amazonas.de

© Wolfgang Brög

Die Dürre des letzten Jahres hat in Manaus einen tiefen Schock hinterlassen. Klimawandel, Luftverschmutzung oder Waldvernichtung sind zum vorherrschenden Gesprächsthema geworden. Und das in einer 2,5 Millionen Stadt, in der 80 % der Einwohner als arm gelten.

von Wolfgang Brög

Manaus, Porto de São Raimundo, März 2006

Vor meinen Augen, über dem Wasser, schaue ich auf das altehrwürdige Brahma-Brauhaus, links die Lichter der Hafenanlage. Noch vor wenigen Monaten, im Oktober, zeigte sich hier ein anderes, ein fast dramatisches Bild, denn da war kein Wasser, sondern nur noch Schlamm, durch den sich ein kümmerliches Rinnsal schlängelte. Die Folgen für die Amazonas-Bewohner waren dramatisch: Millionen toter Fische, Wasser- und Nahrungsmangel, da die Versorgungswege – die Flussarme – nicht mehr befahrbar waren.

Diese Trockenheit, die es so im Amazonas noch nie gegeben hatte und auch in Europa in die Nachrichten kam, hat bei der Bevölkerung des Amazonas einen bleibenden Schock hinterlassen. Wenigstens ein positiver Aspekt dieser Naturkatastrophe mit dramatische Auswirkungen. Themen, die zuvor kaum jemanden interessierten, sind nun Gesprächsthema: Klimawandel, Luftverschmutzung, Waldvernichtung und alles was damit zusammenhängt.

Heute ist der Fluss längst wieder gestiegen, und die Passagierschiffe, die von hier aus den Rio Negro hochfahren, haben schon wieder direkt vor mir angelegt. Während der Trockenheit war es gut einen Kilometer Entfernung bis zum Wasser.

Nicht nur die feuchte Luft in meinem kleinen Büro ist heiß, auch die laute Forró-Musik aus der Holzbude eines Floßes unten am Wasser ist heiß. Das fetzt. Schwer, dabei am Schreibtisch sitzen zu bleiben.

Manaus, die 2,5 Millionen Stadt mitten im Amazonas-Regenwald, kommt nicht nur in Europa unter der Rubrik „Exotik“ vor. Selbst in São Paulo denken viele Menschen, dass in Manaus noch Indianer mit Pfeil und Bogen herumlaufen. Die bekommen Touristen tatsächlich zu sehen, nach einer Bootsfahrt ein paar Stunden auf einem der Nebenflüsse des Amazonas. Wenn die Touristengruppe angekündigt ist, verkleiden sich schnell ein paar Hotelangestellte als Indianer. Vor ein paar Hütten im Wald werden „echte“ Indianertänze vorgeführt. Das geht immer durch.

Die Realität in Manaus hat wenig mit Indianerromantik zu tun: 80 % der Einwohner gelten als „Povão“, so nennt man hier das sogenennte einfache „Volk“, und das sind gleichzeitig die sozial Schwachen. Die meisten müssen, wenn sie denn überhaupt einen Arbeitsplatz haben,  mit einem „Salário Mínimo“ auskommen, das sind heute ungefähr 150 Euro.

Um so reicher ist eine kleine Oberschicht, und die sind richtig reich. Sie besitzen, wie in den meisten nördlichen Bundesländern Brasiliens, die eigentliche Macht. Brasilia die Hauptstadt ist weit und die Bundesregierung mit Präsident Lula hat viel weniger Macht, als international dargestellt. Der Reichtum ist auch sichtbar. Beeindruckend die Zahl neuer, teurer Autos und Luxusyachten.

Das eigentliche Merkmal des Amazonas sind jedoch die typischen Schiffe in der traditionellen Holzkonstruktion. Diese Bauweise hat eine historische Tradition und wurde von den Portugiesen vor fünfhundert Jahren eingeführt. Mit diesen Schiffen werden heute noch die meisten Passagiere befördert. Auf diesen Schiffen gibt es wenige Kabinen, die meisten reisen und schlafen in ihren mitgebrachten Hängematten. Auf dem freien Oberdeck gibt es immer eine Bar, einen Fernsehapparat mit Satellelitenschüssel, doch meist spielt laute Musik, oft sogar Live mit einer kleinen Band. Und dann wird Forró getanzt. Forró ist angesagt im Norden Brasiliens. International praktisch nicht wahrgenommen. Tanzt und lebt der Norden Brasiliens den Forró und nicht Samba – Forró, das ist der Blues von Amazonien.

Das nächste Mal mehr über Forró und die Kulturszene Manaus

copyright: Wolfgang Brög

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